Natalie Walker – With You: Das Album, das in Deutschland kaum jemand kennt, aber alle kennen sollten
© Jason Frank Rothenberg

Natalie Walker – With You: Das Album, das in Deutschland kaum jemand kennt, aber alle kennen sollten

Manchmal möchte ich mich schon aufregen. Manchmal wurmt es mich nämlich, dass es (Kunst-)Figuren wie Lady Gaga schaffen, zu uns herüberzuschwappen, während so manches Juwel jenseits des wirklich großen Teiches dem deutschsprachigen, potentiellen Publikum vorenthalten bleibt. Mein aktuelles Lieblingsbeispiel dafür: Natalie Walker, die mit ihrem zweiten Album With You eines der großartigsten Alben der Popgeschichte abgeliefert hat – und keiner hier weiß davon. Das kann ja wohl so nicht bleiben, höttma!

Hübsche Frauen, die sich zum Musikmachen berufen fühlen, gibt es im Musikbusiness ja so einige. Allerdings durchaus so manches Mal mit zweifelhaftem Talent. Nun sieht Frau Walker aber nicht nur gut aus, sie hat auch noch ein unfehlbares Händchen für alternativ angehauchte Popsongs mit dezent melancholischer Note. With You ist bereits das zweite Album der ehemaligen Sängerin der Trip-Hop-Formation Daughter Darling, welches bislang leider nicht offiziell den Weg nach Deutschland gefunden hat. Wer sich allerdings mal näher mit dem musikalischen Schaffen dieser Künstlerin beschäftigt, kommt irgendwann unweigerlich zu der Frage: Warum eigentlich?

Denn das, was Natalie Walker mit With You abliefert, ist so gnadenlos schön, so unglaublich bezaubernd und ergreifend, dass man sich fragen muss: Traut man den Deutschen tatsächlich so wenig Geschmack zu, dass man so ein Juwel zeitgenössischer Popmusik vorsichtshalber lieber gleich gar nicht erst in der Bundesrepublik veröffentlicht? Wie kann es sein, dass hier kein A&R-Manager vor Begeisterung in die Hände klatscht und sagt: Das bringen wir? Zum Zeitpunkt dieses Reviews ist With You nämlich nur via Import über Amazon, über eBay oder als MP3-Download bei iTunes erhältlich.

Wenn ich jetzt mal bildhafte Sprache bemühen dürfte, dann würde ich sagen, With You gleicht einem sentimentalen, melancholischen Roadtrip-Movie, ohne jedoch den Hörer mit unnötiger Schwermut plattzuwalzen. With You ist ja, wie bereits erwähnt, das zweite Album der talentierten Sängerin aus Avon, Indiana (USA) und hier hat sie gegenüber dem Solo-Debüt Urban Angel ein kleines bisschen am Tempo geschraubt. Dennoch: Eröffnet wird das Album vom bittersüßen Lost My Shadow, das als Einstieg kaum hätte passender sein können. Eine ruhige, von dezenten elektronischen Spielereien begleitete Ballade, in welcher Walker einer verlorenen Liebe nachtrauert. Unter Musikjournalisten heißt es ja, dass ein Album innerhalb der ersten drei Songs begeistern muss, andernfalls kann wohl auch der Rest nicht mehr viel retten. Nun, was soll ich groß herumschwafeln? Bereits zum Auftakt eine Perfect 10. Bidde.

Direkt danach folgt eines DER Highlights dieses wunderschönen Albums: Pink Neon, ein tempomäßig gesteigerter Trip durch die Nacht, bei dem man sich schnell mal unweigerlich in dem Leuchtreklamegewitter einer nächtlichen, anonymen Großstadt verloren fühlt. Generell hat Natalie Walker ein Talent dafür, Stimmungen von Einsamkeit, in diesem Fall aber nicht gleichbedeutend mit Hoffnungslosigkeit, zu erzeugen. Vielmehr ist es fast so, als blicke sie mit ihren stahlblauen Augen direkt in die Seele des modernen Großstadtmenschen, der auf der Suche nach seinem Platz in der Gesellschaft, vor allem aber im Leben mit all seinen Facetten ist. Now or Never ist auch ein wunderbares Beispiel dafür. Natürlich gibt es bei aller Leichtigkeit inmitten des Schwermuts auch herzergreifende Stücke, die einem einen spürbaren Kloß im Hals verschaffen. By and By ist so einer dieser Songs. Liebe Leute, so unter die Haut gehend hat man schon seit seeeeehr langer Zeit nicht mehr Abschied genommen vom (besungenen) eigenen Leben.

Sind es nun die cleveren, überraschenden, erfrischend neuen Arrangements und Klangkonstrukte, die dieses Album zu solch einem Highlight machen? Die irgendwo zwischen Maria Taylor und Sarah McLachlan rangierende Stimme? Die gefälligen Lyrics, die sich so wohltuend von der so weitverbreiteten 0815-Schmalzpoesie abheben? Ich weiß es nicht.

Wäre ich schon 2008, also im Erscheinungsjahr, auf dieses Album gestoßen, hätte es einen der oberen fünf Plätze meiner letztjährigen Top-Alben-Charts belegt! Und mir könnte spontan das Herz bluten angesichts der Tatsache, dass es in diesem unserem schönen Lande so wenig Leute geben wird, die in den Genuss dieses Albums kommen werden – sofern sie nicht den Umweg über iTunes oder Import gehen. Daher an dieser Stelle die dringende Empfehlung: Bemüht Amazon oder eBay und legt Euch dieses Album zu, wenn Euch an Popmusik, die die genreüblichen Grenzen mal eben im Spaziergang überwindet, etwas liegt. Liebe Geschmacksmenschen, ich will an dieser Stelle schließen mit den Worten eines großen, allseits bekannten Burger-Braters: Ich liebe es.

© Dorado Records

Roman Jasiek

Hi, ich bin Roman! Ich bin ein Kind der 80er und schreibe seit Ende der 1990er-Jahre Dinge ins Internetz. Mein Herz schlägt für Musik, Comics, Collectibles, Essen, Reisen, Wandern und meine Lieblingsmenschen. Ich lebe und arbeite in Gardelegen.