Immer wieder wurde ich schon gefragt: „Samma, Roman – wann schreibst du eigentlich mal ein Buch, wa?“ Ich entgegnete dann oft, dass ich weder die Zeit dafür hätte (schließlich ist auch dieser Blog hier etwas, das nur nebenbei stattfindet, wenn ich dafür ein bisschen Zeit freischaufeln kann), noch die zündende Idee.
Nun, die Zeit-Situation wird sich in absehbarer Zeit nicht verbessern. Eine Idee kam Nicole und mir jedoch während unseres Aufenthalts im Hotel Atlantic auf Juist. Und nein, ein Nordsee-Krimi wird es nicht. Davon soll es auch schon den ein oder anderen geben, hab’ ich mir sagen lassen. Während wir auf Juist hockten, kam mir wieder eine Idee in den Sinn, die ich vor vielen Jahren schon entwickelte, die dann aber beinahe in Vergessenheit geriet. Darauf aufbauend lest Ihr nun nachfolgend den ersten Teil eines Kapitels, das in Summe vielleicht tatsächlich irgendwann mal ein Buch wird. Ein Roman-Roman, quasi. Ich hatte es kürzlich hier schon erwähnt, dass der Juli einen Monat der Experimente hier im Blog darstellt. Der nachfolgende Text ist das nächste. Bitte nagelt mich aber nicht darauf fest, ob, wann und in welchem Umfang ich dazu komme, meine halbbiografische Abenteuerjagd nach dem verlorenen Gedanken fortzusetzen. Ideen gibt es noch ganz viele, Abschnitte meines Lebens, die als Kulisse dienen, ebenso. Aber solange das hier neben Familie, Privatleben und vor allem der zeitfressenden Lohnerwerbstätigkeit nur nebenbei läuft, kann es mit dem nächsten Teil etwas dauern. Seht es mir bitte nach. Und auch die Tatsache, dass die Reihenfolge der Kapitel zunächst durcheinandergeworfen erscheint. Sie erscheinen nämlich immer so, wie mir die Buchstaben aus dem Koppe fließen. Gerade in diesem Fall würde ich mich über Euer Feedback wirklich freuen. Solltet Ihr bis dato davon noch keinen Gebrauch gemacht haben, zu kommentieren und/oder im Newsletter den entsprechenden Daumen angeklickt zu haben, möchte ich Euch hiermit dazu ermutigen, davon Gebrauch zu machen. Danke! Und nu viel Vergnügen.
Es war eine dieser schwülen Nächte auf Bali, die auch ohne körperliches Zutun dafür sorgte, dass man gut im eigenen Saft saß und einem die Plünnen wie Wadenwickel am ganzen Körper klebten, und die vor allem viel zu früh begonnen hatte. Klar, wenn es ab ungefähr 18 Uhr schon zappenduster ist, dann können die Abende sehr lang werden. So auch dieser. Ich hatte ja keine Ahnung! Mit jeder Menge davon hockte ich in einer Musikkneipe namens Casablanca in Sanur. Sanur ist so ein kleines, schnuckeliges Örtchen auf der Insel, südlich von Denpasar gelegen, dessen Strand sich von Nord nach Süd über eine Länge von rund 5 Kilometern erstreckt. Zahlreiche Hotels und andere Touristenunterkünfte, gerne auch der gehobenen Preisklasse, hatten sich hier angesiedelt. Und natürlich auch etliche Taxifahrer und Guides sowie Damen, die einem fortwährend auf beinahe schon lästig zu nennende Art zuflöteten: You need a ride? You wanna massaasss? Nee, Mann. Aber vielen Dank, danke.
Ich war vor fünf Tagen auf Bali angekommen. Alle Transportmittel zusammengezählt, also inklusive der Zugfahrt nach Frankfurt am Main, hatte ich rund 24 Stunden auf dem Deckel, um die viel gehypte Insel in Südostasien zu erreichen. Anschließend: Zunächst eine ordentliche Portion Jetlag, rund 30 Grad, tags wie nachts, und eine hohe Luftfeuchtigkeit – da biste direkt mal knapp zwei Tage platt wie ein Hörnchen, das auf der Autobahn von einem Schwerlaster überrollt wurde. Ich fühlte mich jedenfalls so. Kaum aber war das Akklimatisieren erfolgreich abgeschlossen, galt es, tagein, tagaus die Insel zu erkunden, die auf so viele Leute einen so großen Reiz ausübt. Manche behaupten sogar, Bali mache was mit einem. Der von mir sehr geschätzte David Bowie, im Vorjahr viel zu früh verstorben und eine Lücke hinterlassend, welche in der Musikwelt nie wieder geschlossen werden sollte, soll sogar seine Asche auf Bali verstreut haben lassen. Ob und inwiefern Mr. Bowie an dieser Stelle mitgewirkt hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Bei einem Fuchs wie ihm, der sogar seinen Tod mit einem letzten Album und einem Musical nicht nur dem Schnitter überlassen hatte, aber irgendwie vorstellbar. Auf jeden Fall sollte irgendwann der Punkt in meinem Leben kommen, an dem David Bowie bei der Namensfindung meines Sohnes eine entscheidende Rolle spielt. Wusste ich an diesem Abend in Sanur, im Casablanca jedoch noch nicht. Kann man doch vorher alles nicht wissen, was so passiert!
Das Casablanca, geöffnet von Montag bis Samstag, Sonntag Ruhetag, entpuppte sich ziemlich schnell als der Ort, an den es mich zum Ausklang eines Tages während meines Aufenthalts öfter mal hinzog. Dass man von der lokalen Biersorte Bali Hai Premium Lager besser die Finger lässt, weil einem davon Hörner wachsen, zunächst mal am Kopp, gegebenenfalls auch auf dem Rücken, hatte ich schnell gelernt. Schiebe aber dennoch fehlende Tage dieser Reise auf den Jetlag und die umfangreiche Akklimatisierungsphase. Das Schöne an dieser Kneipe war, dass man nicht zwingend im Innern sitzen musste. Die Plätze dort waren eh belegt, weil in regelmäßigen Abständen Quizze abgehalten wurden, die bei dem vornehmlich australischen Publikum hohen Anklang zu finden schienen. Bali ist, das sollte man vor Reiseantritt vielleicht wissen, für Australier scheinbar das, was dem Teutonen sein Malle. Nur eben ohne Ballermann und die zugehörige Beschallung.
Wirkliche Türen oder Fenster hatte die Bude nicht, so wie die meisten Warungs auf Bali, dafür aber ein paar Schwingtüren, die an Wild-West-Filme erinnerten. Warung bezeichnet übrigens die lokalen Lokale zur Speiseaufnahme. Überhaupt und sowieso hatte aber dieses Gebäude nur bedingt Ähnlichkeit mit den einheimischen Bauten. Der auffällige Schriftzug in großen bunten Lettern, der darauf hinwies, es handele sich um den farbenfrohesten Ort von ganz Sanur, mag daran Anteil gehabt haben. Gelegentlich ertappte ich mich ob der Schwingtüren, die immer knarzend, aber fröhlich wackelten, sobald jemand den Pub betrat oder verließ, dabei, förmlich darauf zu warten, dass Terence Hill um die Ecke käme, um irgendeinem ganovischen Schuft einen neuen Scheitel zu zimmern. Oder wenigstens ein paar Bohnen mit Speck zu servieren. Das wird man ja wohl noch träumen dürfen!
Dort, wo anderswo vielleicht ein großes Schaufenster gewesen wäre, war einfach eine Art Tresen montiert, ein paar Aschenbecher nebst Bierdeckelchen oben drauf drapiert sowie ein paar Barhocker auf der Straßenseite platziert, und fertig. Man konnte sich hier ganz prima das Bier in die Rüstung römern und gleichzeitig das Treiben in der Kneipe sowie draußen auf der Straße auf sich wirken lassen. Was ich auch an diesem Abend wieder tat. Das allabendliche Quiz war längst schon abgehandelt, stattdessen machte das Casablanca seinem Namen als Musikkneipe alle Ehre. Eine indonesische, naheliegenderweise vermutlich sogar balinesische Coverband war am Start und spielte eine wilde Mischung aus Kula Shaker und Pink Floyd. Kann man wohl so machen. Das war zumindest so skurril, wie es sich gerade liest, hatte aber unheimlich hohen Unterhaltungswert. Und wie ich gerade über meiner Bierflasche hing, inzwischen mit indifferenter Koordination auf meinem Hockerchen hin und her schunkelnd und mit den Füßen wippend, da wurde ich von einem schmächtigen Mann mittleren Alters, gekleidet in einen traditionellen Sarong und ein silbrig-graues Polo-Shirt, wie sie hiesige Hotelangestellte oft trugen, angesprochen. »Die sind ziemlich gut, oder?«, fragte er. Dass es sich um einen Balinesen handelte, der in einwandfreiem Deutsch gerade eine Konversation mit mir anfing, davon nahm ich erst später bewusst Notiz. Ich pflichtete ihm bei. »Ja, richtig gut!«, rief ich begeistert und mit Inbrunst der biergestärkten Überzeugung. Es entwickelte sich daraufhin ziemlich schnell ein angeregtes Gespräch, in dessen Verlauf nicht nur noch die ein oder andere Flasche Bintang Pilsener verkonsumiert wurde, sondern ich auch allerhand Dinge über den Mann, nennen wir ihn doch ab jetzt Nyoman, erfuhr. Seine Sprachkenntnisse habe er während eines einjährigen Aufenthalts als Au-pair in Gelsenkirchen erlangt. »Auf Schaaaaaalk!«, wie er mir lachend erklärte. Wo das abschließende e geblieben ist, habe ich jedoch nicht erfahren. Vielleicht in der Bierflasche ertrunken. Na gut, dann eben Schalk. Passt ja vielleicht auch. Weiterhin erzählte mir Nyoman, dass er hier auf Bali als Fahrer arbeitete, und falls ich mal Bedarf hätte, von ihm in seinem schon bisschen älteren, aber ordnungsgemäß versicherten (dieses Detail schien ihm wichtig zu sein) Suzuki Jimny über die Insel kutschiert zu werden, hier wäre seine Nummer und ich könnte ihn Tag und Nacht über WhatsApp kontaktieren. Aha, daher weht also der Wind, dachte ich kurz, während ich ihm wohlgesonnen zuprostete. Er schien ein netter Kerl zu sein, nicht so aufdringlich wie die Typen, die dich am Straßenrand vollquatschen und teilweise noch ein paar Meter hinter dir herdackeln, um dir ihre Dienstleistung aufzudrängen. Tatsächlich sollte ich im Verlauf dieses Abends lernen, dass Nyoman eigentlich eine ziemlich arme Socke war. Musik mache er gerne, ließ er mich wissen, deswegen verbringe er viel von seiner freien Zeit hier im Casablanca. Von einer eigenen Gitarre träume er, diese sei aber sehr teuer. »Was kost das denn?«, erkundigte ich mich mit inzwischen vom Bier so langsam schwerer werdender Zunge. Schon wieder müssen Buchstaben in die Flasche gefallen sein. Ungefähr 500tausend Indische Rupien, erwiderte der Mann, dessen seltsam traurige Augen mir erst in diesem Moment wirklich bewusst geworden waren. Das entsprach umgerechnet etwa 30 Euro. Beschämt nippte ich schnell erneut an meinem Bier und versuchte, mein Gewissen nicht allzu sehr davon beflecken zu lassen, gerade einen Urlaub für mehrere tausend Euro zu machen, während es Nyoman nicht einmal für eine einfache Gitarre reichte. »All in all, you’re just another brick in the wall«, tönte es in diesem Moment aus dem Inneren des Casablanca zu mir herüber. Wegen seiner drei Kinder, für die er sorgen müsse, sei es ihm nicht möglich, sich der Musik zu widmen, fuhren mir Nyomans Worte mitten ins schlechte Gewissen. »Was macht deine Frau?«, frage ich, vermutlich irgendwie auf Absolution hoffend. »Sie ist nicht mehr bei uns.« Nyoman machte eine kurze Pause, ließ den Kopf hängen und blickte auf seine Hände, die sich an die Bierflasche klammerten. Dann fuhr er fort: »Sie wurde eines Tages sehr krank. Kein Arzt und kein Heiler hat herausgefunden, was ihr wirklich fehlt oder wie man ihr helfen kann. Sie ist dann in ein Kloster in die Berge gegangen. Hat ein Schweigegelübde abgelegt. Hab’ mich von ihr verabschiedet und sie seitdem nicht wieder gesehen. Das war vor drei Jahren.« Die Coverband nebenan ist gerade bei Pink Floyds Comfortably Numb angekommen, und numb fühlte ich mich in dem Moment auch. Comfortably jedoch nicht. Nyoman erklärte weiter, er sei danach für eine ganze Weile schwer alkoholabhängig gewesen, wegen der Kinder jedoch habe er irgendwie die Kraft gefunden, wieder aufzustehen und zu arbeiten. Es wirkte in diesem Moment so, als musste er seine Geschichte loswerden. Als sei er froh, sie irgendwem erzählen zu können, und sei dieser jemand auch nur ein dezent betüdelter Tourist vom anderen Ende der Welt. Nyomans Blick war zwar nun auf die Bühne gerichtet, auf der sich die Band gerade die Seele aus dem Leib spielte, und doch reichte er in die Ferne. Zu einem unbestimmten Punkt in seiner Vergangenheit. Die Zeit schien für einen kurzen Moment stehen geblieben zu sein. Dehnte sich dann aus wie Kaugummi. In Zeitlupe. Auseinandergezogen wie von einem dieser Faultiere in diesem Disney-Trickfilm mit den tierischen Polizisten. Dann blinzelte er kurz, als wolle er unerwünschte Gedanken damit vertreiben, drehte seine hagere Gestalt auf dem Hocker in meine Richtung und sagte: »Aber genug von mir. Was ist mit dir? Du bist doch aus einem bestimmten Grund hier, oder?«
Die Frage hatte ich nicht erwartet. Peng, machte der Kaugummi in meinem Kopf.
Das lila-blaue Bühnenlicht, das vom Inneren des Casablancas nach draußen drang und die Nacht erhellte, ganz im Bestreben, dem Motto des Pubs, der farbenfroheste Ort Sanurs zu sein, gerecht zu werden, spiegelte sich in dem schwarzen, schütteren Haar und den dunklen Augen Nyomans, mit denen er mich jetzt durchdringend anschaute. »Wat? Ich? Ja, nö, mach’ nur bisschen Urlaub…«, wollte ich gerade zur Erwiderung ansetzen, als unser Gespräch von einem Tumult neben uns unterbrochen wurde. Eine lokale Bikergang hatte ihre Maschinen gerade neben dem Casablanca geparkt. Wobei Biker und Maschinen hier relativ zu betrachten sind. Es waren nämlich keine dicken Harleys, die man lautstark knatternd über die ganze Insel hätte cruisen hören können. Und die man mit dem Begriff „Bikergang“ meistens assoziierte. Nö. Es waren Roller. In etwa Vespa-Format. Kurz dachte ich: Na, sind eure Mopeds beim Waschen eingelaufen? Verwarf diesen Gedanken aber sofort wieder. Das primäre Fortbewegungsmittel der meisten Menschen auf der Insel scheinen diese Mini-Mopeds zu sein. Irgendwer erklärte mir während meines Aufenthalts, Bali habe rund 4 Millionen Einwohner, davon seien aber mindestens 5 Millionen Rollerfahrer. Wer einmal das Chaos, das die Menschen hier Straßenverkehr nennen, erlebt hat, wird dem gerne beipflichten, schätze ich. Nur noch Ameisenhaufen sind lebhafter.
Ganz schön wichtig sahen sie schon aus, die Männer, die da von ihren Maschinen stiegen. Natürlich mit Lederkutte, auf deren Rücken ein Wappen aufgenäht war, das wohl ihren Club, Clan oder wie auch immer sich das in diesen Kreisen nennt, repräsentieren sollte. Und Bandanas, logisch. Man geht ja als Rocker, Biker oder ähnlich orientierter Mensch nicht aus dem Haus, ohne seine Matte auf dem Kopp mit einem Bandana zu bandändigen, nicht wahr. »Oh, da bekommt gleich jemand Ärger«, sagte Nyoman, mehr an sich gerichtet, und trank ein Schluck von seinem Bier. Erst jetzt fiel mir auf, dass es sich um Bintang Zero 0.0% handelte. Die alkoholfreie Variante von dem Gebräu, das ich mir an diesem Abend in die Figur stellte. Sollte jetzt etwa doch noch Terence Hill auftauchen und Nackenschellen verteilen, dachte ich, gefolgt von der nagenden Frage, ob Nyomans Story eventuell doch der Wahrheit entsprach und nicht einfach nur erzählt wurde, um einen Touri wie mich als Kunden für kaffeefahrtartige Inselrundreisen zu gewinnen? Vertiefen konnte ich den Gedanken nicht, zu sehr war ich abgelenkt und ja, irgendwie auch fasziniert von dem Schauspiel, das sich unmittelbar neben uns abspielte. Vier oder fünf dieser – aus meiner Perspektive – eher kleinwüchsigen Männer, die offenkundig viel Zeit mit Training von Kraft und finsteren Blicken verbrachten, suchten sich entschlossenen Schrittes den Weg ins Innere des Casablancas. Nur wenige Momente später kamen sie wieder raus. Mit einem Mann im Schlepptau, ein paar Köpfe größer als die Männer von der Gang, der ganz offensichtlich schon mehr als nur einen über den Durst getrunken hatte. »Australier«, kommentierte Nyoman süffisant. Die kämen oft in Grüppchen zum Saufen her. Also wirklich wie die Deutschen zum Ballermann, dachte ich. Zwei der Biker hatten den Mann untergehakt und schleiften ihn ziemlich flink aus der Kneipe raus. Über die Straße. Und verschwanden anschließend mit ihm in der Dunkelheit dieser schwülen Sommernacht, die sich hinter den orange leuchtenden Straßenlaternen ausbreitete. »Was machen die jetzt mit ihm?«, frage ich. Nyoman zuckte mit den Schultern. »Wenn er Glück hat, werfen die ihn nur an den Strand. Zum Ausnüchtern.« Er kicherte leise vor sich hin. Dann widmete er seine Aufmerksamkeit wieder dem Geschehen auf der Bühne, offenbar nicht gewillt, weitere Details preiszugeben. Die Bikergang hatte sich, kaum dass sie den Störenfried entfernt hatten, wieder auf ihre Roller gesetzt und war knatternd die Straße rauf Richtung Denpansar in der Nacht verschwunden. Meeeeengmengmengmeng, knatterte es durch die Nachtluft. Die wenigen Passanten, die noch unterwegs waren, beachteten sie gar nicht weiter. Als wäre das alles hier der normale Lauf der Dinge. Nur wenige Minuten später traf die Polizei ein. Wenig überraschend ebenfalls auf Rollern. Auch die beiden Polizisten betraten das Casablanca, um zu tun, was Polizisten eben so machen, wenn sie wegen betrunkener Ausländer herzitiert werden. Wenige weitere Minuten später kamen sie wieder heraus, setzten sich auf ihre Maschinen und verschwanden genauso in der Nacht. Entgegengesetzt der Richtung, in der die Biker verschwunden waren. »So läuft das hier«, sagte Nyoman. »Wer sich nicht benehmen kann, fliegt raus. Die Biker sorgen für Ordnung. Die Polizei kommt nur, weil sie muss.« Ich nickte. Die Band im Hintergrund war gerade bei High Hopes angekommen und ich fragte mich kurz, ob sie das ganze Set von Pulse spielten. Jedenfalls erging sich der Gitarrist gerade in einem Solo, das auch einem David Gilmour zur Ehre gereicht hätte. Was ich immer sage: Kleine Konzerte sind oft die besten! Als jemand, der auch Pink Floyd sehr mag, war ich ganz beseelt von dem Geschehen auf der Bühne und hatte gar nicht mitbekommen, dass Nyoman in der Zwischenzeit eine weitere Runde bestellt hatte. »So, und jetzt zu dir«, sagte er und hielt mir seine Flasche zum Anstoßen hin. »Ich glaube, ich weiß, was du suchst. Weswegen du wirklich hier bist.« Ich hatte das Gefühl, dass diese nach wie vor seltsam traurigen Augen mich durchdrangen, bis in den Kern meines Wesens blicken konnten. War mir ja ein bisschen unangenehm, gebe ich zu. »Du hast etwas verloren. Vor langer Zeit schon. Richtig?« Eine Antwort wartete Nyoman gar nicht erst ab. »Ich habe eine Idee, wer Dir helfen könnte, es wiederzubekommen. In welchem Hotel wohnst du? Um 7 Uhr morgen früh hole ich dich ab, dann fahren wir erst zum Tempel von Tanah Lot, bevor alle da sind, und dann weiter in ein kleines Dorf nahe Tenganan. 200tausend Rupien Festpreis.« Nyoman lächelte mich erwartungsvoll an. Der Gedanke, dass Nyoman neben allen anderen Eigenschaften auch sehr geschäftstüchtig war, klopfte wieder an die Innenseiten meines Schädels. »Ach, warum denn nicht. Nach Tanah Lot wollte ich eh mal, und wenn wir dort sind, bevor die ganzen Massen da herumtrampeln, soll mir das recht sein«, erwiderte ich entschlossen. So war es dann abgemacht. Um 7 Uhr morgens, so der Plan, würde mich Nyoman mit seinem älteren, aber nach wie vor tipptopp versicherten Suzuki Jimny (dieses Detail ist ihm gewiss immer noch wichtig!) von meinem Hotel in Sanur abholen. Wir stießen mit unseren Bierflaschen an. »With friends surrounded, the nights of wonder, the light was brighter, the grass was greener, forever and ever« trällerte die Frontfrau der Band gerade ins Mikrofon und schien ihre ganze Kraft, alles an Gefühl und Herzblut, in diese Passage zu legen. High Hopes. Ich hatte nicht erwartet, ausgerechnet hier, auf Bali, mit meiner Suche nach meinem verlorenen Gedanken weiterzukommen. Ich merkte jedoch, wie sich in mir, neben Bier und der Glückseligkeit, eines meiner Lieblingslieder zu hören, ein Funke Hoffnung ausbreitete. Als die Musik gerade verklungen war, warf ich noch einen Blick zur Bühne. Die Frontfrau und Sängerin der Band, lange, schwarze Haare, die ihr fast bis zum Hintern reichten, ein langes, nicht weniger schwarzes Oberteil und zerrissene Blue Jeans – das muss wohl so sein bei diesen Rock’n’Roll-Menschen, habe ich mir sagen lassen –, hatte sich gerade ebenfalls eine Flasche Bier reichen lassen. Unvermittelt drehte sie sich zu mir um und prostete mir aus der Ferne zu. Wie um mir zu sagen: Geh. Und finde, was du suchst.

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