Irgendwann im Leben kommt der Punkt, an dem man… Ach, die Einleitung ist Banane. Also anders: Wie so viele andere, die an Extremwander-Events wie dem Mammutmarsch teilnehmen, fragten auch wir uns, wie es wohl hinter den Kulissen ablaufen mag. Schließlich ist gerade der Mammutmarsch keine kleine Veranstaltung mehr; einige tausend Läufer tingeln über das Jahr verteilt durch die Städte und Gegenden. Dass es hinsichtlich Planung, Organisation und Logistik inzwischen ein ziemlicher Aufwand sein dürfte, war und ist uns auch so klar, ohne dass wir in den Büros der Veranstalter hätten Mäuschen spielen müssen.

Uns interessierte auch mehr der Blick hinter die Kulissen vor Ort. Wenn sich die Mammuts in Bewegung setzen und ihre Märsche von 30, 42, 55, 75 oder gar 100 Kilometern abreißen, dabei Wind, Wetter und den Schmerzen in den Beinen und Füßen trotzen und am Ende erschöpft, aber glücklich, über die Ziellinie laufen. Diese ganzen Events sind auf die Hilfe von Freiwilligen (Volunteers) angewiesen, die sich in den Dienst der Sache stellen. Weil sie Bock drauf haben, weil sie neugierig sind, weil sie anderen eine gute Zeit bereiten wollen oder ein bisschen was von allem mitbringen. Nachdem wir als Läufer den Mammutmarsch unter anderem in Berlin, Hamburg oder Potsdam bereits kennengelernt hatten, beschlossen Nicole und ich, einmal die andere Seite zu erleben, und meldeten uns als Volunteer beim Nachtmammut in Hamburg an. Die Veranstaltung, die im Jahr zuvor meine erste Extremwanderung bei Nacht gewesen war.

Wenn man sich entschließt, den Mammutmarsch als Volunteer zu unterstützen, stehen einem verschiedene Optionen offen. Zunächst mal gilt es natürlich, das Event auszuwählen, bei dem man aktiv werden möchte. Bei uns wurde es Hamburg bei Nacht, Nicole war zwei Wochen zuvor mit einer Freundin schon in Berlin bei Nacht. Zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels stehen noch über 20 Mammutmärsche zur Auswahl. Essen, München, Wiesbaden oder auch Barcelona - die Auswahl ist groß.

Hat man eine Entscheidung getroffen, steht schon die nächste an, nämlich: Wo möchte man unterstützend tätig werden? Helfende Hände werden überall benötigt! Es könnte beispielsweise bei der Bändchenausgabe am Start-/Zielbereich sein. Oder man schmiert Schnitten am Verpflegungspunkt. Oder man unterstützt am Merchandise-Stand beim Verkauf von T-Shirts und Co. Oder man engagiert sich bei der Logistik bzw. beim Auf- und Abbau der Pavillons usw. Oder, oder, oder. Wirklich: Zu tun gibt es überall genug. Die genaue Aufgabe bekommt man je nach Notwendigkeit vor Ort zugeteilt, man kann nur eine ganz grundsätzliche Auswahl treffen von: wann und wo. Da wir am Veranstaltungstag jeweils noch unserer Lohnerwerbstätigkeit nachgehen und dann auch noch mit der Bimmelbahn nach Hamburg anreisen mussten, fielen für uns Tätigkeiten wie Aufbau oder Bändchenvergabe aus. Daher entschieden wir uns für die erste Schicht im Zielbereich (hier: Cruise Center Baakehöft). Angesetzt war unser Freiwilligendienst für die Zeit von 22:45 Uhr bis 6:45 Uhr. Die Aufgaben konnten alles Mögliche sein, die im Zielbereich eben so anfallen: die Verteilung der Medaillen, die Ausgabe der Finisher-Bändchen oder Getränkemarken, die Begrüßung der zurückkehrenden Wanderer als Teil der sogenannten Jubelcrew und so weiter. Zum Vergleich: Als Nicole als Volunteer in Berlin unterwegs war, war es ihr Job, an einem Verpflegungspunkt Kartoffelsuppe zu kochen und die dann langsam müde und erschöpft werdenden Teilnehmer mit einem heißen Süppchen und einem warmen Lächeln zu versorgen.

Wir erreichten Hamburg und folglich den Ort unserer Nachtschicht kurz nach 22 Uhr, hatten dann also noch genügend Gelegenheit, einen ausgiebigen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Zunächst statteten wir uns mit einem dieser auffällig gelben Volunteer-T-Shirts aus. Einige Nummern größer als normal, denn für die Nacht war eine gefühlte Temperatur von allenfalls 10 Grad angesagt. Heißt: Das Shirt musste über dicke Pullis und Jacken passen. Hinsichtlich des Wetters hatten wir insgesamt aber echt Glück gehabt! Wir hatten exakt das Zeitfenster während unseres Aufenthalts in Hamburg erwischt, an dem es von Freitag zu Samstag nicht regnete. Ein frischer, mitunter ziemlich böiger Wind wehte aber dennoch und sorgte irgendwann auch bei uns für Frösteln. Kein Schlaf und nur wenig Essen und Trinken forderten eben ihren Tribut.

An mangelnder Versorgung lag es jedoch nicht. Denn die war unseres Erachtens nach mehr als top! Im Pavillon für die Volunteers gab es mehr als genug Wasser, Apfelschorle, Cola, Kaffee, Tee, Süßkram, Kuchen, Kekse, Obst und immerzu von anderen Volunteers frisch gebackene Pizza aller Geschmacksrichtungen. Will sagen: Hätten wir Zeit und Gelegenheit gehabt, wir hätten uns wirklich gottlos der Völlerei hingeben können. Großes Dankeschön an die Veranstalter an dieser Stelle, an der Versorgung gab es wirklich nichts auszusetzen! Auch dass für uns Volunteers ein eigenes Dixie im Backstage-Bereich zur Verfügung stand, empfanden wir als willkommenen Bonus.

Dass wir zum Ende unserer Schicht dennoch müde, hungrig und durstig zum Pavillon zurückkamen, hatte einen ganz einfachen und banalen Grund: Wir hatten schlicht so gut wie keine Zeit zum Essen oder Trinken!
Kaum wurden wir von der Schichtleitung vor Ort eingeteilt und eingewiesen, fanden wir uns kurz vor 23 Uhr im Zielbereich ein. Nicole und ich waren für die Ausgabe der Finisher-Bändchen zuständig. Eine weitere Volunteer namens Nadine, mit der wir im Verlaufe der Nacht zu einem echt coolen und effektiven Trio wurden, sollte sich um die Ausgabe der Chips für das Finisher-Getränk kümmern. Wir organisierten uns so, dass Nicole sich um die Finisher der 30-Kilometer-Runde und ich mich um die 42er kümmerte. Im Prinzip könnt Ihr Euch das so vorstellen: Es gab drei durch Bänke und Absperrungen voneinander getrennte Zieleinläufe, an deren Ende wir warteten. Zuvor konnten sich die Mammuts ihre Medaille abholen, ehe sie dann an uns vorbeimussten. Für die 30er waren zwei Reihen vorgesehen, für die 42er nur eine. Eine der 30er-Reihen war zunächst noch für mehr als eine Stunde unbesetzt; wir handelten das also zunächst nur zu dritt. Wir organisierten uns vor Ort dahingehend um, dass Nadine uns direkt bei der Bändchenvergabe mit den Chips unterstützte und immer zwischen mir und Nicole hin- und herflitzte. Der ursprüngliche Plan sah vor, dass sie rund 20 Meter hinter uns in einem Einzelpavillon auf die Finisher wartete, was wir als ungünstige Lösung erachteten – und der Andrang, der sich im Laufe der Nacht einstellte, sollte uns hinsichtlich dieser kleinen Prozessoptimierung recht geben.

Bis auf ein paar vereinzelte Wanderer, welche die jeweilige Distanz superschnell absolvierten, hatten wir in der ersten Stunde noch nicht viel zu tun. Wir konnten also die Bändchen aus ihren Tüten nehmen und uns auf den Ansturm vorbereiten, der da folgen sollte. Ausgehend von unserer eigenen Gehgeschwindigkeit von rund 6 km/h und den Startzeiten der insgesamt über 30 Gruppen stellten wir uns darauf ein, dass sich das Blatt ab Mitternacht wenden würde.

Und so kam es auch. Ab ca. halb 1 Uhr morgens kam ein Mammut nach dem anderen an, ließ sich von uns beglückwünschen und das hart erarbeitete Bändchen und den Getränkechip überreichen. Was geschrieben locker klingt, artete im Verlauf der Nacht in echte Akkordarbeit aus; irgendwann kamen wir kaum noch hinterher, die Bändchen aufzufüllen bzw. vorzubereiten, und hatten auch kein Gefühl mehr für Ort, Zeit und Raum oder gar dafür, zum wieviel hundertsten Mal man gerade etwas gesagt hatte wie: »Willkommen zurück! Ihr habt es geschafft! Herzlichen Glückwunsch. Hier ist dein Bändchen und hier hast du noch einen Chip. Holt euch ein Getränk und stoßt auf den Erfolg an!« Sätze wie diesen bekam jede und jeder einzelne Mammut, dem wir in dieser Nacht begegneten, von uns zu hören. Wir wissen nicht, wie viele es am Ende tatsächlich gewesen sind. Ausgehend von den Tüten, in denen die Bändchen aufbewahrt waren und die laut Beschriftung jeweils 500 Stück beinhalteten, werden es wohl einige tausend Menschen gewesen sein, denen wir in dieser Nacht gratuliert haben. Das erklärt vielleicht auch, warum wir ab einem bestimmten Punkt keine Zeit mehr hatten, etwas zu essen oder zu trinken. Oder zu frieren.

Kurz nach 5 Uhr morgens, es war inzwischen wieder hell geworden, wurden wir von unserem Posten abgelöst. Das Gros der Wanderer war mittlerweile auch schon über die Ziellinie gelaufen. Wir machten eine kurze Essens- und Pinkelpause im Volunteerbereich, ehe wir von der Schichtleitung noch für die langsam beginnenden Abbaumaßnahmen eingeteilt wurden. Zwei Stände hatten wir noch zusammen mit zwei weiteren Volunteers abgebaut, dann war Feierabend. Wir wurden als Teilnehmende erfasst, damit wir zur Belohnung einen Stempel einsammeln konnten, der, entsprechende Anzahl vorausgesetzt, ähnlich wie bei den Wanderern für Patches etc. eingelöst werden kann. Zudem bekommen Volunteers wahlweise einen Gutscheincode für ein Event nach Wahl oder ein Paket mit haufenweise Merch und Goodies rund um den Mammutmarsch.

Dieser Gutschein ist ein netter Bonus, war aber nicht unsere Motivation und unser Grund für die Teilnahme am Nachtmammut in Hamburg dieses Jahr. Wir wollten wissen, wie es hinter den Kulissen abläuft. Oft genug hatten wir gesehen, dass dies, das oder jenes an einem Verpflegungspunkt nicht funktioniert hatte, und uns interessierte das Warum dahinter. Logisch: Bei einem Event, das auf freiwillige Helfer setzt, gibt es genügend Leute, die dann, wenn es ernst wird, aus diesem oder jenem Grund dann doch nicht können. Oder einfach gar nicht erst auftauchen. Und außerdem machen uns solcherlei Tätigkeiten, bei denen wir aktiv mit anpacken können, auch einfach Spaß.
Der größte und schönste Lohn war aber ein anderer: der Blick in die teilweise sehr erschöpften, aber wirklich immer und jedes Mal glücklichen Gesichter der Finisher! Manche wirkten dabei ein bisschen abgeklärt, zumal wenn sie bereits über Extremwander-Erfahrung verfügten. Andere kämpften mit den Tränen, weil der Kopf noch gar nicht richtig begreifen konnte, dass die Beine sie wirklich bis ins Ziel getragen hatten. Eine Erfahrung, die wir wohl alle machen, die wir das erste Mal an so einem Event teilnehmen. Auch ich erinnere mich noch gut an meinen 42er in Hamburg bei Nacht, wo ich nach dem Einmarsch im Ziel auch nicht wusste, ob ich jetzt lachen, weinen oder alles beides gleichzeitig tun sollte. Ich will sagen: Im Ziel zu stehen und die Mammuts zu begrüßen, ist sehr emotional – und wunderschön! Und dass so viele auch so unfassbar dankbar waren, dass wir dort standen und uns freiwillig die Nacht um die Ohren geschlagen haben, damit dieses Event stattfinden konnte, war die Kirsche auf dieser Emotions-Sahnetorte! Als wir gegen 13 Uhr, nach rund 30 Stunden wach und auf den Beinen, wieder zu Hause und endlich im Bette waren, hielten wir fest: Allein das schon war es wert.
Und noch etwas hielten wir fest: Das war nicht unser letzter Mammutmarsch auf der Seite der Volunteers. Das machen wir wieder!
