1 von 10. Das ist die blanke Zahl, die reine Statistik. Wenn man danach googelt, wie viele Menschen statistisch ein primäres Kammerflimmern überleben, dann erklärt einem Googles KI ganz nüchtern: „Statistisch gesehen überleben von 10 Personen, die außerhalb eines Krankenhauses ein Kammerflimmern erleiden, im weltweiten Durchschnitt nur etwa 1 bis 2 Menschen.“
Ob man überlebt, ob man von der anderen Seite noch einmal zurückkommen darf, hängt ganz wesentlich davon ab, ob und welche Hilfe man erhält. Bekommt man in der ersten Minute Hilfe und es wird sofort eine Defibrillation durchgeführt, liegt die Wahrscheinlichkeit, danach weiterzuleben, bei 90 %. Erfolgt die Hilfe nur drei bis sechs Minuten nach dem Auftreten des Kammerflimmerns, sinkt die Überlebensrate bereits auf 74 % bis 50 %.
Oder anders: Ohne lebensrettende Maßnahme sinkt die Wahrscheinlichkeit, aus so einer Nummer lebendig herauszukommen, pro Minute um 7 bis 10 %. Kurz gesagt: Nach einem derartigen Kollaps ist ohne Hilfe nach ungefähr zehn Minuten für immer Feierabend. Und ob man diese lebensrettende Hilfe bekommt, hängt wiederum sehr davon ab, dass Dritte das eigene Systemversagen bemerken.

Ich bin einer von zehn
Unfassbares Glück, das ist es wohl, was ich hatte. Mein Herz ist ausgerechnet dort ausgestiegen, wo sofort nicht nur meine Liebste und bester Schutzengel, den man sich denken kann, in Personalunion anwesend war und es direkt mitbekommen hatte, dass ich aus dem Leben ausgestiegen war. Sondern auch Ersthelfer und kurze Zeit später ein Krankenwagen, Notarzt und ein Defibrillator. Zehn Minuten Wiederbelebung, Rückholung von der anderen Seite. Heute kann ich auf dem Bett meines Zimmers in der Reha-Klinik liegen, diese Buchstaben auf meinem Laptop einhämmern, und über all das nachdenken. Wäre es zwei Wochen zuvor passiert, bei unserer letzten Wanderung durch den Harz: Ich wäre ganz gewiss nicht mehr am Leben. Das ist einer der Gedanken, die immer wieder hochkommen und die ich ganz bewusst beiseiteschieben muss. Hätte passieren können, ja, ist es aber nicht. Sondern genau dort, an jenem Sommerabend in Bottrop, mehr oder weniger direkt vor einem Krankenhaus. Es sollte wohl passieren, und das aber offensichtlich direkt dort, wo unmittelbare Hilfe verfügbar war.

Ein gestohlenes Leben?
„All of you… have lived stolen lives. And now you must give them back…“ Das sind die Worte, die Marvels Erzbösewicht Doctor Doom im Trailer zu Avengers: Doomsday spricht. Und sie hallen wie ein sehr unangenehmes Echo in meinem Koppe nach. Denn auch das ist einer dieser Gedanken, die immer wieder hochkommen und die mich beschäftigen. Habe ich Glück gehabt? Oder ist es nun ein gestohlenes Leben, das ich führe, weil meine Zeit eigentlich an jenem 29. August 2026 abgelaufen war? Der rationale Teil in mir weiß natürlich, dass das Quatsch ist. Glück gehabt? Ja, ganz sicher. Schicksal? Ach naja… Aber dennoch: Wer dem Schnitter so knapp entkommen ist, wird sicher manches Mal darüber sinnieren, ob nicht statt einem selbst jemand anderes das (Weiter-)Leben mehr verdient hätte.

Oder doch: Eine zweite Chance, ein zweites Leben?
Zu sagen, der Herztod wäre vollkommen überraschend und unvorhergesehen passiert, ist nur Teil der Wahrheit. Habe ich zuvor ein gesundes Leben geführt? Oh, ich will mal so sagen: Ich war auf dem Weg dorthin. Aber wie sich manche vielleicht erinnern, hat meine Apple Watch um den Jahreswechsel herum angefangen, mich darauf hinzuweisen, dass mit meinem Blutdruck etwas nicht in Ordnung sein könnte. Wie sich herausstellte, hatte meine Watch damit vollkommen recht. Medikamentös eingestellt dachte ich, ich hätte die Sache im Griff, alles sei mit ein paar Pillchen, die ich morgens und abends einnehme, geregelt.

An jenem Abend, als der Kollaps passierte, war ich mit Nicole auf dem Nachtmammutmarsch im Ruhrgebiet unterwegs. Ich fühlte mich gut. Keine Beschwerden irgendeiner Art. An jenem Abend kam der Kollaps also tatsächlich überraschend, plötzlich und unvorhergesehen. Wie lange ich schon viel zu hohen Blutdruck hatte, weiß ich nicht. Aber wenn mir mein Hausarzt nach dem Zwischenfall erklärt, ich hätte das Herz eines 60-Jährigen und nicht eines 44-Jährigen, dann ist anzunehmen, dass der hohe Blutdruck schon eine ganze Weile seine destruktive Wirkung entfaltete. Das in Kombination mit ein paar anderen (Blut-)Werten sowie ein paar strukturellen Herzschwächen et voilà, fertig ist der Herztod, der mich ereilte.

Am Ende spielt es aber auch nur eine untergeordnete Rolle. Ich sollte an jenem Abend ganz offensichtlich noch nicht sterben. Der eine von zehn sein. Ich sollte eine zweite Chance zum Leben erhalten. Um dieses mit meinen Lieblingsmenschen bestmöglich zu genießen. Und das so lange, wie es eben von nun an noch andauert. Das ist der Gedanke, der ebenfalls immer wieder hochkommt und an den ich mich klammere, wenn ich fürchte, dass ich all den schrecklichen Gedanken zu viel Raum gebe. Meistens gelingt es mir gut. Für die Momente, in denen es mir nicht gelingt, bin ich froh, dass meine Lieblingsmenschen, allen voran Nicole, (nicht nur) meine seelische Stütze sind. Ich bewundere sie und meine Familie für die Kraft, die sie in diesem ersten Monat aufgebracht haben, und bin sehr dankbar.

Die Angst in meinem Nacken
Hier in der Klinik bewege ich mich inzwischen wieder recht sicher. Klar, es wäre zur Not ja immer auch Fachpersonal in der Nähe, das Hilfe leisten könnte. Zudem habe ich mit dem subkutanen Defibrillator, der mir am 7. September 2026 implantiert wurde, eine Lebensversicherung.
Das S‑ICD-abgekürzte Gerät überwacht rund um die Uhr mein Herz. Wenn es wieder zu einem Kammerflimmern kommen sollte, springt dieses Gerät an und verpasst meinem Herzen einen Schock, so wie es dessen große Brüder tun würden.

An den Wochenenden bin ich wegen des geteilten Sorgerechts immer zu Hause. Von Freitagnachmittag bis Sonntagnachmittag. Und sobald ich zu Nicole ins Auto steige (ich darf selbst nicht fahren, ich habe aufgrund des Vorfalls zunächst mal drei Monate Fahrverbot), steigen auch diverse Ängste mit ein und setzen sich auf die Rückbank.
- Was, wenn es wieder passiert?
- Merke ich es dann, wenn das Gerät auslöst?
- Kündigt sich das vorher an?
- Funktioniert es überhaupt ordnungsgemäß?
- Was, wenn ich ein Montagsmodell erwischt habe, das just dann, wenn es drauf ankommt, aufgrund einer technischen Panne versagt?
- Kann ich etwas tun (oder eben nicht tun), um ein neuerliches Kammerflimmern zu verhindern?
- Und selbst, wenn das Gerät auslöst und tut, was es soll – was passiert danach? Ist es dann wieder gut? Reicht die Zeit bis zum Eintreffen eines Arztes?
Nur ein paar der Fragen, die mir dann durch den Kopf gehen. Neulich war ich mit Nicole im Kino zu Avengers: Endgame. Einer meiner Lieblingsfilme. Aber auch diese permanente Bespaßung durch meine Lieblingshelden hat nicht ausgereicht, dass ich mich außerhalb der Klinikmauern sicher fühlte und entspannen konnte. Ich bin hier in der Klinik auch in psychologischer Betreuung. Logisch, ein solches Extremerlebnis, die schlimmste denkbare Form des Kontrollverlustes, steckt man nicht einfach so weg. Es wird noch eine ganze Weile dauern, sagte die Psychologin, bis die Ängste sowie die Nachwirkungen des Kollapses in den Hintergrund geraten und mich nicht mehr so belasten, wie sie es derzeit tun.

Da hinten wird’s hell
Nachdem ich nun lang und breit darüber philosophiert habe, was mich beschäftigt, und mir dabei vor allem auch die negativen Seiten von der Seele geschrieben habe, möchte ich mit dem obigen Zitat vom Ankerherz-Verlag den Schlenker hin zu den positiven Dingen lenken.
Das Leben hat mir eine zweite Chance gegeben, um genau das zu tun: zu leben. Die Wochenenden verbringe ich, wie zuvor erwähnt, daheim. Mein Kind ist immer da, Nicole sowieso und auch immer Teile von Nicoles Familie sowie auch meiner eigenen. Das sind schöne Wochenenden.

Ich bin noch nicht so fit, wie ich es vor dem Kollaps war. Die Operationsnarben schmerzen immer mal wieder noch, aber auch das wird weniger. Der Schlaf ist auch oft noch viel zu früh vorbei, dafür aber kann ich mich ja tagsüber ein bisschen ausruhen. Ich versuche, meinen Teil der Hausarbeit so zu erledigen, wie ich es zuvor getan habe, und es gelingt mir von Woche zu Woche besser.
Ich habe alle Unterstützung, die ich brauche und mir nur wünschen kann. Zudem habe ich sowohl während meines Krankenhausaufenthalts als auch hier in der Reha-Klinik Besuch von meinen engsten Freunden bekommen, teilweise mit gedecktem Apfelkuchen im Gepäck. Fragt mich nicht, warum, aber ich glaube, mit meiner Rückkehr ist auch nicht erklärbarer Heißhunger auf gedeckten Apfelkuchen mitgekommen.

Das alles gibt mir sehr viel Kraft. Und Zuversicht. Und am Ende des Tages ist es das, was all die Zweifel und Ängste überschattet. Auch dafür bin ich dankbar. Sehr.
Die Sache mit den Vorsätzen
Kennen wir alle: Am Neujahrsmorgen kommen die guten Vorsätze ins Spiel, was man im neuen Jahr alles erreichen möchte. Mehr Bewegung/Sport, weniger ungesunde Lebensmittel, wenig bis gar keinen Alkohol, abnehmen und so weiter und so fort. Die Liste ließe sich lange fortsetzen und jeder von uns findet sich in diesem oder jenem Punkt wieder, da bin ich sicher. Auch ich habe mir an so manchem 1. Januar dieses oder jenes vorgenommen. Und auch jetzt gibt es natürlich verschiedene Dinge, die ich künftig anders machen möchte, und zu einem ganz wesentlichen Teil hängen sie mit der Ernährung zusammen.
Keine Frage, manches Mal wird es auch für mich trotz meiner Geschichte schwierig werden. Schlechte Gewohnheiten lassen sich eben viel leichter angewöhnen und viel schwerer wieder abgewöhnen, als umgekehrt die guten. Aber auch in dieser Sache bin ich sicher: Wann immer mich der innere Schweinehund piesackt, wird mich das kleine Gerät, das unterhalb meiner linken Achsel, etwa in Höhe des Rippenbogens, unter meiner Haut seinen Dienst verrichtet, stumm daran erinnern, was war. Und daran, dass ich zwar eine zweite Chance bekommen habe, aber nicht darauf wetten sollte, im Zweifelsfall auch noch einen dritten Versuch zu erhalten.

Nächste Ausfahrt: Leben
Pläne habe ich noch ganz viele und betrachte das auch als gutes Zeichen. Eine schöne Zeit mit meinen Lieblingsmenschen verbringen möchte und werde ich, lieber einmal zu viel als zu wenig. Ich schätze, wir alle haben gerade gelernt, wie schnell das Leben vorbei sein kann.
Langfristig: Mein Kind aufwachsen sehen und miterleben, wie aus einer kleinen eine große Persönlichkeit wird, die einen eigenen Weg geht.

Kurzfristig: Oh, Ideen und Pläne haben Nicole und ich viele. Zum Beispiel freuen wir uns auf diesen Urlaub und auf jenen, auf noch mindestens zwei weitere Kinobesuche in diesem an Kinobesuchen nicht armen Jahr (Dune 3 und natürlich Avengers: Doomsday). Auf eine Fortsetzung unserer kulinarischen Entdeckungsreise durch die zahlreichen Restaurants hier, dort und überall. Konzertkarten für das kommende Jahr haben wir auch schon ein paar. Auf dem Plan stehen neben den Ärzten auch die Abschiedstour der Fantastischen Vier. Und Roland Kaiser in der Autostadt in Wolfsburg, jawoll!
Außerdem auf dem Zettel: Weniger aufregen, ärgern und/oder sorgen über die Dinge, die außerhalb meines und unseres Einflussbereichs liegen. Stichwort Circle of Influence und so. Und dann ist es ja auch so: Ich bin als Buchstabenalleinunterhalter dieses Blogs noch lange nicht fertig!

Schutzengel, Glück (im Unglück), Schicksal, die richtigen Menschen zur richtigen Zeit am richtigen Ort, ... Ich könnte sicherlich viele Erklärungen finden, warum ich noch hier sein darf. Die schönste, die mir einfällt, ist aber: Durch die Kraft der Liebe (looking at you, Nicole ❤️) bin ich noch hier.
In diesem Sinne: Passt gut auf Euch und auf Eure Lieblingsmenschen auf. Und checkt Euren Blutdruck fortan regelmäßig.