Ein Screenshot der Apple-Watch-Fitness-App zeigt einen abrupt abbrechenden Graphen mit einer durchschnittlichen Frequenz von 132 BPM. © Roman Jasiek
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Mein zweiter Geburtstag: Wie ich dem Tod beim Mammutmarsch von der Schippe sprang

Wenn die Dinge anders gelaufen wären, als sie sich tatsächlich zugetragen haben, würdet Ihr an dieser Stelle den Bericht vom Nachtmammut im Ruhrgebiet lesen, an dem Nicole und ich am vergangenen Wochenende teilgenommen haben. Ihr würdet davon lesen, wie cool die Strecke mit all ihrer Industrieromantik war, wie gut die Verpflegung, wie bescheiden das Wetter gewesen ist. Und vielleicht auch noch davon, dass wir am Abend zuvor in Magdeburg im Kino waren und uns die in 4K restaurierte Fassung von Terminator 2: Tag der Abrechnung angeschaut haben anlässlich dessen 35. Jubiläums. Natürlich nicht, ohne zuvor irgendwo lecker schnabulieren gewesen zu sein. Davon hättet Ihr in einem, vielleicht mehreren Beiträgen gelesen.

Der 29. August 2026: 10 Minuten Reanimation mitten beim Mammutmarsch

Oder auch nichts davon, genauso wenig wie diese Zeilen, weil ich am Abend des 29. August 2026, irgendwann gegen 21 Uhr 30, wegen eines Vorhofkammerflimmerns verstorben wäre.

Long story short: Meine Pumpe hat mitten beim Mammutmarsch versagt, ich war weg, wurde 10 Minuten lang reanimiert und durfte ganz offensichtlich zurückkommen.

Ein stark verwackeltes, nächtliches Foto von der Strecke des Mammutmarsches mit blau beleuchteten Büschen im Hintergrund. © Roman Jasiek
Niemand weiß, wie und warum dieses Bild entstanden ist. Vermutlich war ich es noch selbst, weil ich das Handy noch in der Hand hatte, um die Industrieromantik zu fotografieren. © Roman Jasiek

So richtig weiß niemand, was passiert ist oder warum. Und ich am allerwenigsten. Nicole sagt, ich sei quasi mitten beim Laufen und dabei erzählen zusammengesackt. Einfach so, ohne Vorwarnung. Es war pures Glück und die Mitwirkung fleißiger Schutzengel (in Form von Nicole, Rettungskräften usw.), dass ich genau dort zusammengesackt bin, wo ich nun mal umgefallen bin. Wenn dies nur zwei Wochen früher, bei unserem Wandertag im Harz, passiert wäre (9 Stunden wandern und nicht nur marschieren, 30 Kilometer, 1000 Höhenmeter und vor allem 34 Grad im Schatten) – ich würde mir inzwischen die Radieschen von unten anschauen. Darüber nachzudenken ist gleichermaßen erschreckend wie auch müßig, denn es ist zum Glück anders gekommen. Ich bin noch da, liege nach wie vor auf der Kardiologiestation des Krankenhauses der Knappschaft Kliniken in Bottrop, und darf mich des Lebens erfreuen.

Ein medizinisches Dokument der Knappschaft Kliniken mit der Überschrift Aufklärungsbogen Telemetriebetten auf einem Tisch. © Roman Jasiek
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Das große Vergessen: Leben mit den Löchern im Langzeitgedächtnis

Erinnerungen an den Vorfall, an den Übergang, an die Rückholung, die Behandlung auf der Intensivstation und so weiter habe ich keine mehr. Der Sonntag ist auch nahezu verschwunden. Selbst Montag und Dienstag sind noch einigermaßen löchrig. Es ist ein Freitag, an dem ich diese Zeilen mit Blick aus dem Fenster auf grautrübes Wetter schreibe, und er fühlt sich an wie ein Dienstag. Diverse Dinge rund um diese Nahtod-Erfahrung haben es nicht ins Langzeitgedächtnis geschafft. Vermutlich auch besser so. Reicht schon, dass meine Liebste all die schrecklichen Dinge mit ansehen, miterleben musste. Ihr macht Euch keine Vorstellung davon, wie dankbar ich ihr bin, dass sie in diesem Moment bei mir war! Und in den folgenden Tagen, in denen Nicole ein AirBnB gemietet hat, sich von der Arbeit hat freistellen lassen, meine Mutter eingesammelt und beide quasi mehr oder weniger an meinem Bette Wache gestanden haben. Was sie das an Kraft gekostet haben muss, vermag ich mir nicht vorzustellen. Froh und dankbar bin ich auch – neben der Tatsache, noch am Leben zu sein – dass nur die jüngsten Erinnerungen löchrig waren. Dass also mein Hirn, mein Erinnerungsvermögen keinen wirklichen Schaden genommen hat und dass ich mich nach wie vor beispielsweise auch an mein Kind erinnern kann. Und wenn wir von Dankbarkeit sprechen: Die gilt selbstredend auch allen anderen Menschen, die mein Weiterleben ermöglicht haben. Die Ersthelfer, die Rettungssanitäter, die (Not-)Ärzte, das Pflegepersonal … Ich habe eine ganze Reihe von Leuten beschäftigt und tue es noch. Ihnen allen werde ich auch auf Lebenszeiten dankbar sein.

Screenshot einer Textnachricht von Nicole Isensee mit den emotionalen Worten Du warst weg weg und wurdest zurückgeholt. © Roman Jasiek
© Roman Jasiek / Apple

Der Fahrplan aus der Kardiologie: (Weiter-)Leben mit dem Defibrillator

Wie gesagt, ich liege noch im Krankenhaus und momentan ist mein größtes Problem die Langeweile. Auch hier macht Ihr Euch vermutlich kein Bild, wie froh ich bin, dass es nur das ist! Ich kenne nun den Fahrplan im Groben: Vermutlich am kommenden Montag werde ich dauerhaft einen Defibrillator eingesetzt bekommen. Der wird mich dann für den Rest meines Lebens begleiten und mir im Falle eines Falles beim Überleben helfen. Im Anschluss an den Eingriff soll eine mehrwöchige Reha folgen, wobei hier die Details noch zu klären sind.

Eine medizinische Grafik zur Veranschaulichung eines subkutanen Defibrillatorsystems (S-ICD) mit implantiertem Aggregat an der linken Flanke und einer Elektrode direkt unter der Haut entlang des Brustbeins. © Knappschaft Kliniken Bottrop
© Knappschaft Kliniken Bottrop

Wie gesagt, ich habe viel Langeweile. Über das Leben nachgedacht und wie schnell es vorbei sein kann und/oder für immer verändert, das habe ich nun zur Genüge. Ich versuche, mich abzulenken, indem ich mich dem Blog widme. Nicole ist gerade zu Hause, wird aber bald wieder hier sein. Mein Kind werde ich dieses Wochenende nicht sehen, dem versuche ich auch, die gruseligsten Details oder die Tatsache, dass sein Papa vermutlich nur mit Glück dem Tode von der Schippe gesprungen ist, zu ersparen bzw. zu einem späteren Zeitpunkt zu erklären. Vielleicht fülle ich die Zeit hier in der Klinik mit Reviews; bevor ich umgekippt bin, habe ich freundlicherweise wieder ein paar Spider-Man-Comics zur Rezension zur Verfügung gestellt bekommen. Und vielleicht lenkt Euch das dann genauso ab wie mich.

Ein typisches Krankenhaus-Abendessen auf einem schwarzen Tablett mit zwei Scheiben Graubrot, Käse, Wurst und einer Tasse Tee. © Roman Jasiek
Abendessen im Krankenhaus. Nach so einem Erlebnis schmeckt alles gleich nochmal so gut. © Roman Jasiek

Mein 2. Geburtstag.

Der 29. August ist nicht nur in der fiktiven Welt von Terminator ein besonderes Datum, sondern künftig auch für mich. Mein zweiter Geburtstag quasi, denn an diesem Tag wurde mir geschenkt, weiterzuleben. Und das, merke ich gerade, wird mich vermutlich noch lange beschäftigen. Meine Liebsten gewiss auch. Und auch, wenn ich selbst im Vorfeld keine Warnsignale meines Körpers wahrgenommen habe (ähnlich wie beim zu hohen Blutdruck, auf den mich ja die Apple Watch hingewiesen hatte), kann ich nur abschließend sagen: Achtet auf Euch. Und genießt die Zeit, füllt sie mit Dingen, die Euch Freude bereiten. Vor allem: haltet Euch an Euren Liebsten fest. Denn das habe ich gerade sehr deutlich vor Augen geführt bekommen: Ganz plötzlich ist die Zeit vorbei, wie durch ein Fingerschnippen.

In diesem Sinne.

Selfie von Roman Jasiek im Krankenhaushemd auf der kardiologischen Station mit einer Sauerstoffbrille in der Nase und einem Peace-Zeichen. © Roman Jasiek
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ℹ️ Dies ist ein persönlicher Erfahrungsbericht über ein medizinisches Ereignis. Er ersetzt keine professionelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei Herzbeschwerden wende Dich bitte sofort an den Rettungsdienst.

Roman Jasiek

Hi, ich bin Roman! Ich bin ein Kind der 80er und schreibe seit Ende der 1990er-Jahre Dinge ins Internetz. Mein Herz schlägt für Musik, Comics, Collectibles, Essen, Reisen, Wandern und meine Lieblingsmenschen. Ich lebe und arbeite in Gardelegen.