Die Walpurgisnacht, der Berggeist Rübezahl, die Rosstrappe, die Sage von den Zwergen … – an spannenden Mythen und Legenden mangelt es dem Harz wahrlich nicht. Kein Wunder, dass große Dichter wie Johann Wolfgang von Goethe oder Heinrich Heine das höchste Gebirge Norddeutschlands mit ihren Werken weithin bekannt gemacht haben. Und dass noch immer unzählige Menschen von den dichten Wäldern, den manchmal wirklich spektakulären Felsformationen und den manchmal wabernden Nebelfeldern fasziniert sind. Tag um Tag, Woche um Woche, zieht es Spaziergänger, Ausflügler und Wanderer in den Harz. Und auch wir sind zuletzt im Juni dort gewesen, um einmal mehr den Brocken zu besteigen. Und auch das vergangene Wochenende nutzten wir, um eine weitere Route auszuprobieren, weitere Stempel der Harzer Wandernadel zu ergattern und vielleicht auch, um eine persönliche Grenze erneut zu verschieben. Bei bis zu 34 Grad im Schatten kann man das ja mal machen, wa? Und so pilgerten wir am frühen Morgen des 15. August in Richtung Ilsenburg, von wo aus unsere geplante Route von etwa 20 Kilometern starten sollte. Kleiner Spoiler: Es blieb nicht bei diesen 20 Kilometern.
Start in Ilsenburg: Der frühe Aufbruch

Sachsen-Anhalt hatte früher mal in einer Eigenwerbung von sich behauptet, das Land der Frühaufsteher zu sein. Nun, zumindest für uns gilt das durchaus. Vor allem, wenn wir, ähnlich wie bei unserer letzten Tour in den Harz, bis zur Mittagsstunde den Brocken rauf und noch vor der Gluthitze wieder auf dem Rückweg sein wollten. Daher krabbelten wir kurz vor 5 Uhr aus dem Bette, machten uns fertig und waren schon um kurz nach 6 Uhr morgens auf dem Weg nach Ilsenburg. Unterwegs hielten wir wieder bei einem lokalen Bäcker und versorgten uns mit Knüllbrötchen, sodass wir kurz nach 8 Uhr auf dem Wanderparkplatz in Ilsenburg eintrudelten. Wer ebenfalls mit dem Auto anreist: Den ganzen Tag parken kostet dort derzeit 8 Euro.

Auf dem Weg zum Harzer Wanderkaiser
Und warum nun also Ilsenburg? Einerseits, weil das, wie so viele Orte im Harz, ein wirklich schnuckeliges kleines Örtchen ist, das mit seinen Fachwerkhäusern und der umgebenden, waldig-bergigen Landschaft etwas Mystisches, beinahe Märchenhaftes ausstrahlt. Vor allem in den Morgenstunden, wenn das goldene Licht des anbrechenden Tages sich einen Weg durch die dichten Bäume und Schwaden von Bodennebel bahnt. Das allein rechtfertigt schon jedes frühe Aufstehen.

Der andere Grund ist aber: Da wir auf dem Weg sind, zu Harzer Wanderkaisern zu werden, suchen wir uns derzeit Strecken heraus, wo wir in einem Abwasch noch möglichst viele Stempel auf einer Tour einsammeln können. Um Harzer Wanderkaiser bzw. Wanderkaiserin zu werden, ist es erforderlich, 50 Pflichtstempel im Stempelheft vorweisen zu können. Nun … wir haben jetzt in etwa die Hälfte und damit noch einige Touren vor uns. Die Strecke, die wir uns via Komoot und einer klassischen, physischen Wanderkarte (reiß- und wetterfest, btw.) zurechtgelegt hatten, sollte uns zunächst entlang der Ilse mit all ihren zahlreichen, malerisch schönen, kleinen Wasserfällen den Brocken hinaufführen. Ich meine, hey, wenn wir schon im Harz sind und der Berg ist in Reichweite, dann latschen wir da auch rauf! Einmal hoch, abklatschen und Foto machen, kurze Verschnaufpause und dann wieder runter. So in etwa passierte das auch. Nur dass wir für den Rückweg eine andere Route wählten, als die, die wir hinaufgekommen waren. Was letztlich dazu führte, dass wir nicht nur auf den Brocken rauf, sondern quasi auch einmal rundherum gewandert waren. Am Ende wurden somit aus rund 20 Kilometern ziemlich genau 30. Und aus geschätzten 800 Höhenmetern wurden etwas über 1000.

30 Kilometer und 1000 Höhenmeter: Der Unterschied zum Mammutmarsch
Auf unserer Route lagen neben dem Brocken somit die Brockenkinder, ein kleiner Exkurs zur Oberen Zeterklippe, Kieferklippe, Wolfsberg und der kleine Brocken. Leute! Das war ein ganz schöner Ritt, Ihr ahnt nicht! Ich habe dabei gelernt, dass mein Fitnesslevel insgesamt doch noch sehr viel ausbaufähiger ist, als ich angenommen hätte. Und das, wo ich doch am Wochenende zuvor beim Heldenmarsch noch großmäulig herumgetönt hatte, dass mich Strecken von 30 Kilometern mittlerweile nicht mehr stressen. Ja, denkste! Aber 30 Kilometer wandern, vor allem mit über 1000 Höhenmetern, sind eben doch ein anderer Schnack als 30 Kilometer durch urbanes Gebiet zu marschieren. Was wir übrigens Ende des Monats im Ruhrgebiet bei Nachtmammut machen werden, aber das wird dann eine andere Geschichte.

Aber soll ich Euch was sagen? Auch wenn das in Länge und Höhenmetern selbst für Nicole einen neuen Rekord im Harz darstellte und wir uns manchmal nicht sicher waren, ob das Pfeifen und Schnaufen von mir kam oder nicht doch von der Harzer Schmalspurbahn – ich würde diese Route auf jeden Fall wieder machen! Äh, also, sobald der Muskelkater irgendwann nachgelassen hat und ich mich wieder ohne Mimimi bewegen kann, versteht sich. Und auch der ganz leichte Sonnenstich, den ich mir trotz permanenter Kopfbedeckung mitgebracht hatte, ändern an dieser Einstellung nüscht.

Der Endgegner-Weg zum Brocken: 17 % Steigung und Betonplatten
Ebenso wenig wie die letzten rund 4 Kilometer den Brocken rauf, die Nicole freundlich als „Endgegner“ und ich, nicht weniger freundlich, als „Arschlochweg“ bezeichnete. Ihr müsst Euch das so vorstellen: Ein ziemlich steiler Pfad führt durch den Wald zum Gipfel hinauf. Und mit ziemlich steil meine ich eine Steigung von bis zu 17 %! Und das nicht etwa über fluffigen Waldboden, mit Geäst, Gestein und Gehölz. Nö, stattdessen liegen dort aneinandergereiht Betonplatten, die man zu Ostzeiten sicher auf Panzerteststrecken verlegt hatte. Man kann es einfach nicht schönreden: Der Weg zieht sich und ist keine Freude. Aber auch der nervigste Weg ist irgendwann vorbei.

Auf dem Weg bis dorthin und auch danach sind wir jedoch teilweise durch dichtes Unterholz gewandert, auf teilweise sehr schmalen, sehr steinigen und sehr abschüssigen Pfaden. Manchmal trennte uns nur ein galanter Fehltritt vom Abflug in etliche Meter Tiefe ohne Rückfahrkarte. Vor allem auf dem Weg den Berg rauf wanderten wir stets entlang der Ilse. Klar hätten wir auch die Möglichkeit gehabt, weniger schwierige Schotterwege zu nutzen. Aber wir sagten uns: Das ist eine Wanderung, kein Marsch, und spazieren gehen können wir auch im Wald vor unserer Haustüre!

6 neue Stempel der Harzer Wandernadel – und Muskelkater vom Feinsten
Alles in allem war der überwiegende Teil unseres Wandertags im Harz wirklich sehr abenteuerlich. Das und die insgesamt 6 gesammelten Stempel, die wir während unseres Ausflugs mitnehmen konnten, sorgen gerade dafür, dass mir trotz allem Autschautschaua ein Lächeln übers Gesicht huscht. So richtig können wir gerade noch nicht abschätzen, ob wir es in diesem Jahr noch einmal in den Harz schaffen. Aber wenn, wäre ich nicht überrascht, wenn wieder der Brocken im Zentrum unseres Ausflugs stehen würde. Ganz gewiss gibt es dort noch so viele weitere spannende Touren zu absolvieren, ganz ungeachtet irgendwelcher Stempel. Oder Muskelkater.
© Roman Jasiek / ReLive









© Nicole Isensee, Roman Jasiek