Vermutlich bin ich auch hier schon wieder mal viel zu spät zur Party gekommen, aber man kennt das ja inzwischen schon so von mir. Aber wat willste machen? Neben Familienleben, Lohnerwerbstätigkeit, Wandertouren und diversen anderen Dingen steht das Zocken auf der Prioritätenliste derzeit ziemlich weit hinten. Ich komme oft nur an Sonntagen dazu, mich mit dem Controller in der Hand vor den Fernseher zu fläzen. Dann aber in letzter Zeit mit großem Genuss! Nachdem ich mich über Monate mit Resident Evil Requiem vergnügt habe – hey, ich habe da immerhin meinen allerersten Speedrun jemals geschafft! – habe ich gerade einige Zeit mit dem jungen Mr. Bond verbracht. Was mir tatsächlich so gut gefallen hat, dass ich Euch nachfolgend davon erzählen möchte.

Seit 1982 sind mittlerweile über 25 Spiele rund um den britischen Doppelnull-Agenten mit der Lizenz zum Töten erschienen. Es gab durchaus einige Highlights (vor allem das kultisch verehrte GoldenEye (1997), das für Nintendos N64 erschienen war). Aber auch einige echte Gurken wie das bis dato letzte Spiel 007 Legends, das mit seinem Erscheinen 2012 immerhin auch schon wieder 14 Jahre auf dem Buckel hat. Bis auf einen Mobile-Ableger (Cypher, 2023) war da lange Zeit erst einmal Ruhe im Hause MI6. Bis sich IO Interactive, die Macher der gefeierten und erfolgreichen Hitman-Reihe, die Lizenz sichern konnten. 007 First Light heißt das Spiel, das vor rund einem Monat erschienen ist. Gestern Abend flimmerte nach rund 17 höchst unterhaltsamen Spielstunden auch bei mir der Abspann über die Mattscheibe. Vielerorts wurde und wird das Spiel als das beste Bond-Spiel seit mindestens GoldenEye, wenn nicht sogar überhaupt, gefeiert. Ist da was dran, fragt Ihr? Ja, sage ich.

Wie vielleicht schon bekannt, erzählt 007 First Light eine Origin-Story und damit die Geschichte, wie James Bond (gespielt und gesprochen von Patrick Gibson) zum Geheimagenten Ihrer Majestät mit der Doppelnull wurde. Das tut es über eine ziemlich umfangreiche Kampagne, die – ähnlich wie die Filme – einige der schönsten und/oder interessantesten Schauplätze der Welt abklappert und dabei mit allerhand Wendungen nicht geizt. Zunächst begleiten wir den jungen Mr. Bond im Alter von 26 Jahren als Soldat der Royal Navy auf einem Einsatz in Island. Der geht natürlich schief, es kommt zu jeder Menge Krachbumm und am Ende hat der MI6 einen neuen Rekruten. Dessen Name ist, wie könnte es anders sein, Bond. James Bond.

Und dieser wird im Rahmen seiner Ausbildung zum Geheimagenten für den Feldeinsatz ziemlich geschliffen. Mehrere Monate verbringt Bond zusammen mit sechs weiteren Rekruten (na, ahnt ihr schon, wie der Mann zur Nummer 007 kam?) auf Malta, wo er von seinem späteren Partner wider Willen, John Greenway (Lennie James) ins Agentenleben eingeführt wird. Doch noch bevor die Ausbildung wirklich komplett abgeschlossen werden kann, finden sich unsere Doppelnullen im Feld wieder. Und schon sind Bond und seine Gefährten einer Verschwörung auf der Spur, die bis tief ins Herz des MI6 hineinreicht und vor allem Bond quer um den Globus scheucht. Neben Island und Malta stehen auch London, die Slowakei, Vietnam, Mauretanien und die Antarktis auf der Reiseroute.

Viel mehr möchte ich über die Inhalte des Spiels eigentlich auch gar nicht erzählen. Vielleicht nur noch: Dass der junge Mr. Bond im Laufe dieses wirklich vergnüglichen Abenteuers klassische Weggefährten wie Q (Alastair Mackenzie), Moneypenny (Kiera Lester) und M (Priyanga Burford) trifft, dürfte auf der Hand liegen. Auch die Antagonisten können sich sehen und hören lassen. Als da wären: der Industrielle Sir Nicholas Webb (Anthony Howell), dessen kratzbürstiger Nachkomme Damien Webb (Bart Edwards) sowie die Femme fatale Isola (Noémie Nakai). Und Lenny Kravitz (ja, der!) als schurkischer Schwarzmarktkönig Bawma ist auch nochmal ganz anders wild!

Die sich windende Handlung, die allenfalls gegen Ende ein ganz kleines bisschen den Eindruck erweckt, die Macher hätten ihr Kind selbst nicht loslassen können und daher ein Mü zu sehr gestreckt, lässt in keiner Sekunde Langeweile aufkommen. Meines Erachtens findet das Spiel genau das richtige Maß zwischen Erkundung (es ist endlich mal wieder keine offene Spielwelt, yay!), ausufernden Ballerpassagen und sehenswert inszenierten Zwischensequenzen.

Die Missionen erwecken zumindest den Eindruck spielerischer Freiheit. Gerade in den Abschnitten der jeweiligen Kapitel, die nicht in reiner Deckungs-Shooterei ausarten, gilt das Prinzip der Doppelnull-Agenten: Mache das Unerwartete. Das heißt, dass Junior-Bond mittels seiner zahlreichen Gadgets, freundlicherweise von Q zur Verfügung gestellt, jede Menge Möglichkeiten hat, mit der Umgebung zu interagieren. Das Personal kurz mit einem Krankmacher-Pfeil beglücken, damit die Zugangskarte für ein Hotelzimmer geklaut werden kann? Kein Thema. Oder doch lieber den Staubsauger via Fernzugriff anschalten, was das Reinigungspersonal aufhorchen und die zu durchschreitende Tür somit unbeobachtet lässt? Geht auch.

Und wenn Bond mal in einem feindlichen Gebiet erwischt wird, hat er immer noch die Möglichkeit des Bluffens und kann im Anschluss weitere Aktionen folgen lassen. Das spielt sich ziemlich flüssig und vermittelt zumindest das Gefühl, die Art und Weise, wie James Bond hier agiert, wäre meine, steckte ich in dem Moment gerade in seiner Haut. Insgesamt würde ich das Spiel als eine gelungene, abwechslungsreiche Mischung aus Schleichen, Action und gelegentlichen, sehr gut zu verkraftenden Quick-Time-Events beschreiben.

Dass sich das Spiel so gut anfühlt, wie es sich eben anfühlt, hängt mit mehreren Faktoren zusammen. Da ist zum einen die technische Brillanz. Fehler, Abstürze, technische Probleme, Ruckeleien oder etwas in der Art hatte ich während meines Durchgangs nicht einen. Tatsächlich war das Spiel so glattpoliert, wie man es bei der geschichtsträchtigen Lizenz erwarten durfte. Auch First-Party-Spiele haben Sonys Konsole nicht besser im Griff. Wie es sich auf anderen Plattformen verhält, vermag ich nicht zu beurteilen, würde aber ähnliche Performances unterstellen. Optisch mega schick, eine präzise, butterweiche Steuerung, spielerische Abwechslung, überzeugendes Gun-Play, insgesamt technisch ein top Eindruck, Sound inklusive ikonischer Musik ebenfalls erste Sahne!
Und dann dazu der Titelsong von Lana Del Rey, ein typisches Intro-Video, wie es aus einem der Filme stammen könnte, die Drum-and-Bass-Heroen Chase & Status dürfen auch mitmachen, und, und, und! Man merkt dem Spiel in jeder Sekunde an, dass hier mit viel Herzblut an die Sache herangegangen wurde und die Entwickler bemüht waren, der Lizenz gerecht zu werden. Tatsächlich würde ich den Leuten bei IO Interactive unterstellen wollen, echte Fans zu sein. In jedem Fall haben sie die Essenz von James Bond verstanden. Ich habe es wirklich gern gespielt und empfehle es daher allen Bond-Fans mit einer Affinität für Videospiele. Auch wenn es nach der letzten Mission heißt „James Bond will return“, bleibt abzuwarten, was die Zukunft bringt. Die Gegenwart jedenfalls könnte kaum besser sein.
Der nächste Kinoauftritt von 007 soll ja bekanntlich von Denis Villeneuve (u. a. Blade Runner 2049, Dune) inszeniert werden, und wie man hört, ist dieser derzeit noch immer auf der Suche nach einem neuen Darsteller für die Titelrolle. Patrick Gibson hat meines Erachtens hier eindrucksvoll seine Visitenkarte dafür hinterlassen. Chapeau!
