Gesundheit: Hatschi! von Tomas Tulpe
© Zett Records

Gesundheit: Hatschi! von Tomas Tulpe

Immer wieder taucht völlig unvermittelt ein Musiker auf, der konsequent aus der Reihe tanzt. Erinnert Ihr Euch noch an Betty Blitzkrieg? Falls ja, dann habt Ihr schon eine ganz vage Vorstellung davon, was mit Tomas Tulpe und seinem Debütalbum Hatschi! auf Euch zukommt. Konsequent mit kurzen Hosen unterwegs, zieht Tulpe in seiner Funktion als elektronische Bühnenwurst los, um dem ewig gleichen Stumpfsinn und der Langeweile in der Musik Paroli zu bieten. Kein Scherz. Hatschi! darf wohl schon jetzt als das abgefahrenste Album des Jahres angesehen werden. Warum? Das verraten wir Euch jetzt.

Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass ein Künstler, der beim Label von Frank Zander unter Vertrag ist, sich inhaltlich ausschließlich toternster Themen in der gebotenen, epischen Breite widmet. Ähnlich wie bei den Werken des ungekrönten Königs des humorvollen Musikbeitrags ist auch Tulpes Album auf gar keinen Fall (!) eine Ansammlung augenzwinkernden Blödsinns. So lernen wir dank Tomas Tulpe, dass Kaffee kein Erfrischungsgetränk ist, nein, ein Muntermacher! Oder dass Klostein anstatt Seife eigentlich viel günstiger ist. Wir werden daran erinnert, dass wir uns vor dem Klo und nach dem Essen die Hände waschen sollten. Und dann sind da noch die Dinge, von denen wir eigentlich gar nichts wissen wollen. Dass die Vorhaut nicht über Tulpes Eichel passt, ist irgendwie zu viel Information. Allerdings: In unserer Gesellschaft wird eh viel zu oft weggeschaut, daher gilt hier: Augen zu und durch. Des Weiteren lässt er uns wissen, dass er ein Grufti ist (genauso wie sein Vater, seine Mutter und seine Omma vor ihm), dafür aber kein Roboter. Ihr merkt schon: Die elektronische Bühnenwurst, wie sich Tulpe selbst bezeichnet, lässt wirklich kein elementares Thema des täglichen Lebens unbehandelt. Und das ist auch gut so; endlich spricht’s mal jemand an. Und aus.

Musikalische Abwechslung wird auf Hatschi! ebenfalls großgeschrieben. Mutig (um nicht zu sagen: völlig ungeniert) wirft Tomas Tulpe unterschiedlichste Stilrichtungen in einen Topf. Electro, EBM, Neue Deutsche Welle, Disco und Atzen-Pop sind hier genauso zu finden wie Spurenelemente von Minimal oder Neue Deutsche Härte. Zum Glück lugt nirgendwo der Schalk hervor und winkt. Es ist schließlich völlig abwegig, zu glauben, dass Tulpe hier alles, was man uns sonst so in dieser oder jener Szene vor die Ohren setzt, eventuell nur durch den Kakao zieht. Wer von Meisterwerken wie Klostein statt Seife oder Der übelste Partysong nicht umgehend einen Ohrwurm bekommt, der … hat es wohl einfach noch nicht gehört!

Ach ja, Frank Zander: Es ist nur konsequent, dass es auf Hatschi! auch ein Duett mit ihm gibt. In Da sitzen sie die Rentner auf dem Balkon und trinken Kaffee, einem höchst dramatischen Song über Generationenkonflikte in heutigen Mietshäusern, gibt Zander den garstigen Rentner. Das ist allerdings nicht das einzige Duett auf diesem Album. Auch mit Rummelsnuff hat sich Tulpe zusammengetan. Um den Freddy-Quinn-Song Junge komm bald wieder zu covern. Ist klar, ne? Da bekanntlich alle guten Dinge drei sind, wurde zur Abrundung der Song Ich tanz auf dich vom Horrorist neu abgemischt und noch mal mit zusätzlich Dampf versehen.

Das erste Mal so richtig in Erscheinung getreten ist Tomas Tulpe übrigens bereits im Jahre 2010 mit der Single Disco!. Dass es nun doch noch mal zwei Jahre bis zur Fertigstellung des Albums gedauert hat, lag daran, dass Herr Tulpe laut eigener Aussage in seinem Blog immer wieder Dinge anders haben wollte. Ein Perfektionist? Zumindest jemand, der seine musikalische Mission ganz offensichtlich sehr ernst nimmt!

Lange Rede, gar kein Sinn: Hatschi! ist das übelste Partyalbum. Alles klar, wir hören Tulpe und explodieren. Ganz der Empfehlung im Booklet entsprechend bei voller Lautstärke, nackt – und schreiend.

Ich höre Promo-CDs in erster Linie im Auto auf dem Weg zur Arbeit und zurück. Manchmal ist das nicht die beste Idee, weil es schon mal vorkommt, dass mich die Mucke vom Geschehen auf der Straße ablenkt. So geschehen zuletzt bei Hatschi! von Tomas Tulpe. Immer wieder musste ich kichern. Lange nicht mehr so gefeiert wie hier. Ich hoffe inständig, diese Mischung aus Kurt Krömer und Betty Blitzkrieg bleibt kein One-Hit-Wonder. Wäre schade. Schließlich muss doch jemand die Musiklandschaft aufmischen! Tomas Tulpe ist unser Mann dafür. Und denkt bitte immer daran: Vor dem Klo und nach dem Essen Händewaschen nicht vergessen!

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Roman Jasiek

Hi, ich bin Roman! Ich bin ein Kind der 80er und schreibe seit Ende der 1990er-Jahre Dinge ins Internetz. Mein Herz schlägt für Musik, Comics, Collectibles, Essen, Reisen, Wandern und meine Lieblingsmenschen. Ich lebe und arbeite in Gardelegen.