Tempus fugit, oder eben: Die Zeit vergeht. Nein, sie rast sogar. Eine Binsenweisheit, die einem zum Beispiel dann ziemlich deutlich vor Augen geführt wird, wenn man bedenkt, dass die Herren von [:SITD:] inzwischen auch schon seit 15 Jahren im Geschäft sind. 15 Jahre, in denen Tom, Carsten und Frank zu einer festen Größe in der düsteren Electro-Szene geworden sind. 15 Jahre, in denen sie es geschafft haben, auf Konzerten und Festivals die Menge zum Toben zu bringen, wie es kaum eine andere Band der Szene zu schaffen vermag. Ein solches Jubiläum will natürlich gebührlich gefeiert werden. [:SITD:] tun es mit einem neuen Album. Icon:Koru heißt es. Und so viel sei an dieser Stelle schon einmal verraten: Mehr [:SITD:] geht nicht.
Ein Jubiläum zu begehen ist ein guter Anlass, mal innezuhalten, zurückzublicken, durchzuatmen, um dann den Schritt in die Zukunft zu wagen. [:SITD:] tun auf Icon:Koru genau das: Sie besinnen sich ihrer Wurzeln. Gehen weg von Experimenten, wie sie noch auf Bestie: Mensch und vor allem auf dem nicht ganz unumstrittenen Rot passierten und präsentieren ihrer Hörerschaft [:SITD:] in Reinform. Will sagen: geschmeidige Synthiepassagen, die lässigsten und fettesten Beats, die wir in der Electro-Szene dieser Tage haben, garniert mit dem üblichen Zeigefinger, der sich in die Wunden der heutigen Gesellschaft bohrt – nicht ohne vorher jedoch noch mal in Essig getaucht worden zu sein.
Und sie tun es, ohne sich dabei auf der Stelle zu bewegen oder altbacken zu wirken. So wie [:SITD:] hier ihre musikalische Vergangenheit zum Leben erwecken, so machen sie einen Schritt vorwärts, der (hoffentlich!) die nächsten 15 Jahre der Band einläuten wird. Der ungewöhnliche Albumtitel verdeutlicht dieses Vorhaben recht eindrucksvoll, wie Carsten zu erklären weiß: »Das Koru ist ein Zeichen – also Icon –, das von den Maori, dem Urvolk Neuseelands, stammt. Dem einen oder anderen sind die Maori sicherlich durch ihre Gesichts- und Ganzkörpertätowierkunst bekannt. Das Symbol stellt ein aufgehendes Farnblatt dar und verkörpert ewige Bewegung und den Ursprung allen Lebens. Es beschreibt das Auf und Ab des Lebens, wie es wechselt und doch gleichbleiben kann. Die Kreisform des Koru versinnbildlicht die Idee der ständigen Erneuerung und Bewegung, während die innere Spirale für die Rückkehr zu den Wurzeln steht. Der Titel repräsentiert den Tenor des Albums perfekt.«
Erneuerung, Bewegung, gleichwohl aber auch Rückkehr zu den Wurzeln – passender hätte der Titel für das Jubiläumsalbum und das, was wir dort geboten bekommen, wahrlich nicht ausfallen können. Aber schauen wir uns die Tracks doch mal im Detail an:
Extrajudicial Punishment: Das Intro. Läuft knapp 2 Minuten und besteht vor allem aus elektronischen Artefakten und sphärischen Klangteppichen. Diese kurze Einleitung macht auf jeden Fall Lust auf mehr und verspricht Großes. Ein Versprechen, das erfreulicherweise von den restlichen Tracks dieses Albums eingelöst wird. Zudem ist es die Überleitung für den nachfolgenden Song.
Code:Red: Der erste Tanzflächenfüller dieses Albums. Hier haben wir sie wieder, die erwähnten geschmeidigsten, fettesten und lässigsten Beats, die wir heutzutage in der Szene erleben dürfen. Dazu die gewohnt üppigen Synthie-Klangteppiche und Carstens Flüstergesang. Thematisch wird hier die militärische Bestrafung unter Soldaten anstelle eines offiziellen Verfahrens behandelt. Grundlage dieses Songs ist der Film Eine Frage der Ehre. Ihr wisst schon. Der Streifen, in dem Tom Cruise lernen musste, dass er gegen eine Legende wie Jack Nicholson eigentlich nur ein dünnes Hemdchen im Wind ist. Aber lassen wir doch einfach mal die Herren von [:SITD:] zu Worte kommen: »„CODE:RED“ ist die inoffizielle Bezeichnung bei den amerikanischen Streitkräften für die Bestrafung eines Soldaten durch seine eigenen Kameraden. Diese Bestrafung anstelle eines Disziplinarverfahrens war bis in die 1990er Jahre bei der US-Armee üblich und wurde zumeist durch Ausbilder und Offiziere angeordnet. Heute ist der “CODE:RED“ bei allen US-Teilstreitkräften verboten. Wir sind durch den Film „Eine Frage Der Ehre“ („A Few Good Men“) mit dem begnadeten Jack Nicholson in der Rolle des Bösewichts auf das Thema gestoßen. „EXTRAJUDICIAL PUNISHMENT“ ist die offizielle Bezeichnung des zuvor beschriebenen Sachverhalts und heißt übersetzt außergerichtliche Bestrafung. Beide Tracks gehören inhaltlich zusammen.«
Periculär (Richtfest II): Beim Richtfest im Songtitel dürfte wohl jedem [:SITD:]-Fan die Freude warm am Bein herunterlaufen, war besagtes Stück doch eine der stärksten Nummern, die jemals das Studio der Gelsenkirchener Truppe verlassen hat. Auch hier haben wir es wieder mit diesen derben Beats zu tun, die so schön die Magengrube massieren. Zudem wurde das Tempo angezogen. Von den sofort ins Ohr gehenden Melodien brauche ich hier wohl nichts mehr zu erzählen, oder? Ähnlich wie beim ersten Richtfest, das sich mit dem Thema Kanibalismus beschäftigte, werden hier abermals Abgründe der menschlichen Seele behandelt. Hintergrund dieses Stücks sind gefährliche (periculäre) SM-Praktiken, die nicht auf einvernehmlichem Sex basieren. Hierbei passiert es schon mal, dass klinisch relevanter Schmerz und Leid bis hin zum Tode zugefügt werden. Inspirationsquelle für diesen Song sind die Taten des sogenannten „Rhein-Ruhr-Rippers“, der zwischen 1994 und 1998 vier Frauen auf bestialische Art ermordete. Und falls ich es noch nicht erwähnt haben sollte: Seinem Namensvetter macht dieser Song alle Ehre.
State Of Tyranny: Und abermals wird an der Geschwindigkeitsschraube gedreht – steil nach oben. Wer sich bei diesem Song nicht bewegt, ist selber schuld. Interessant sind hier vor allem die verzerrten Vocals. Der Effekt ist wohl von Suicide Commando entliehen, was? Schnell, treibend, hämmernd. Und gleichwohl eingägig.
Beacon Of Hope: Tom ist am Zug! Und irgendwie versteht es sich von selbst, dass, wenn Tom singt, die Nummer – allen Tempos zum Trotz – einen balladesken Unterton hat. Muss wohl an Toms angenehmer, weil weicher Stimme liegen. Ansonsten ist dieser Song vor allem in den Passagen zwischen den Refrains alles andere als zum Kuscheln geeignet, da hier noch mal ziemlich drastisch auf das Gaspedal gedrückt wird. Im Refrain selbst, auch wenn bis dahin gut und gerne 3 Minuten vergangen sind, kommen dann aber doch ganz kurz Assoziationen an Evergreens wie Suffering In Solitude hoch. »I hold you in my arms forever, I miss you more than words can say…« – wissta bescheid!
Dystopie: Und schon wird wieder zurückgerudert, was das Tempo angeht. Dafür hören wir hier wieder Carsten mit verzerrten Vocals, die immer noch an Suicide Commando erinnern. Ziemlich schwerfällig, ziemlich düster. Irgendwie aber nur konsequent, wenn man den Titel des Songs im Hinterkopf behält. Zumal die Inspiration für diesen Song Orwells 1984 lieferte. Der in den Lyrics erwähnte sich drehende Wind lässt mich dennoch irgendwie an Herbsterwachen denken.
Dark Defender: Überraschung! [:SITD:] machen jetzt in elektronischem Dark-Industrial. Eine reine Instrumentalnummer, die für jede Disco geeignet ist, die eine Krachkammer ihr Eigen nennt. Wird sicherlich nicht überall auf Gegenliebe stoßen. Auch für diesen reichlich ungewöhnlichen Song haben die Jungs eine Erklärung parat, die wir Euch natürlich nicht vorenthalten wollen: »“DARK DEFENDER“ ist eine Hommage an unsere Lieblingsfernsehserie „Dexter“. Wir mögen den ursprünglichen Industrial in der Tradition von Bands wie Converter oder Esplendor Geométrico. In diesem Kontext ist das Stück zu sehen. Wir hatten einfach mal Lust dazu, so etwas zu machen. Dem Abwechslungsreichtum eines Albums sind solche Exkursionen natürlich nur zuträglich.« Alles klar?
Tarnfarbe: Wieder eine dieser Nummern mit gehobenem Tempo. Quietschiger, verzerrter Synthie-Einsatz, Carstens Flüstersingsang und jede Menge Potenzial, sich mal eben den Staub von den Knochen zu klopfen. Man könnte hier fast von einer „klassischen“ [:SITD:]-Nummer reden.
Sonic Barrier: Und abermals Tom. Gedrosseltes Tempo hier! Endlich mal durchatmen und endlich wirklich mal einer Ballade lauschen, wie sie eben nur möglich ist, wenn Sir Tom den Weltschmerz in die Welt hinausposaunt. Zu diesem Song fallen mir spontan Begriffe wie „episch“ ein. Schönes Ding!
Zephyr: Beginnt mit dem Einsatz eines Klaviers, auf dem in längeren Abständen einzelne Töne angeschlagen werden, unterstrichen von hintergründigen Artefakten, zu denen sich recht schnell die gewohnt ausufernden Synthieteppiche legen. Düstere und bedrückende Stimmung hier. Erinnert ein wenig an Filmmusik. Und wenn das Stück langsam ausblendet, die verwendeten Klangelemente nach und nach reduziert werden, bleibt man als Hörer mit der Erkenntnis zurück, gerade eine gute Stunde vorzüglicher Electro-Kost genossen zu haben.
Sicherlich wird es Hörer geben, die [:SITD:] vorwerfen werden, sich mit Icon:Koru auf der Stelle zu bewegen und hier den Mut für Experimente vermissen zu lassen. Aber mal ehrlich, Leute – über die Jahre hinweg haben [:SITD:] ihren eigenen Sound erschaffen, klar unterscheidbar von den vielen Mitbewerbern. Einen Sound, den man von [:SITD:] erwartet und einfach haben möchte. Den bekommt man hier geboten. Und wer genau hinhört, wird unweigerlich feststellen, dass sich die Jungs treu geblieben sind und dennoch hörbare Modifikationen am Klangbild vorgenommen haben. Eben ganz im Sinne der Prämisse des Albums: zurückblicken und nach vorn schreiten. Mission erfüllt.
Mann, wenn ich so zurückdenke an das erste amtliche [:SITD:]-Album, Laughingstock, an die vielen Hymnen, die bereits auf diesem Debütalbum versammelt waren und wie oft ich schon in Discos, auf Konzerten oder Festivals zu Tracks wie eben Laughingstock, Snuff Machinery oder Rose-coloured Skies gefeiert und getanzt habe, und mir dann vor Augen führe, wie viel von damals jetzt wieder in dem aktuellen Release steckt, dann bleibt mir eigentlich nur noch eines zu sagen: Herzlichen Glückwunsch, [:SITD:]! Vielen Dank für 15 Jahre coole Mucke. Auf die nächsten 15 Jahre, meine Herren!
