Stimmt schon: So ein Sonntagabend ist meist ein eher ungünstiger Zeitpunkt für ein Konzert. Eventuell war das restliche Wochenende vorher schon ereignisreich und demzufolge an den Kräften zehrend. Zudem zeichnet sich am Horizont schon diese unnütze Erfindung namens Montag ab. Wenn allerdings die Namensgeber (des Vorgänger-Blogs Avalost [Anm.]) Seabound zum Konzert laden, dann ist es zumindest mir extrem egal, an welchem Tag und zu welcher Uhrzeit sie sich angekündigt haben. Wenn sie noch dazu nach Jaaahren der Abwesenheit in der Löwenstadt endlich wieder in meinem Wohnzimmer, der Braunschweiger Meier Music Hall, zu sehen sind, dann kann das Motto einfach nur lauten: Da simmer dabei, dat wird primaaaaa! Jo, und das war es auch. Herrschaften, es folgen ein paar Eindrücke des Konzerts vom 13. April 2014.

Es gab durchaus ein paar (wenige) Unkenrufe, als bekannt wurde, dass das Konzert von Seabound dieses Mal nicht in der Main Hall des Meiers stattfinden würde, sondern im deutlich kleineren Café. Zwar hatten wir schon unzählige Male dort das Tanzbein geschwungen, ein Konzert bis dato aber noch nie gesehen. Konnte das funktionieren? Wie sich im Verlaufe des Abends zeigte, war es eine sehr richtige Entscheidung, das Spektakel in diesem kleineren, schlauchartigen Raum zu veranstalten. Die Atmosphäre war deutlich intimer, die Gäste viel, viel näher dran am Geschehen. Das mag einer der Gründe für die durchweg gute Stimmung dieses Abends gewesen sein. Zwar war die Bühne winzig, dennoch: Der Sound war tatsächlich ziemlich gut und auch wenn der Bewegungsspielraum für die Akteure eingeschränkt war – selbst für den Laser, der bei Seabound-Shows einfach dazugehört, war Platz. Ebenso für eine Leinwand für Videoprojektionen. Auf der großen Bühne hätten die beiden Konzerte dieses Abends nicht einmal ansatzweise so intensiv gewirkt, davon bin ich felsenfest überzeugt.

Ich erreichte mein Wohnzimmer kurz vor 19 Uhr. Da sich die restlichen Gäste zunächst noch in ihren Autos aufhielten, vom Personal am Eingang ebenfalls nichts zu sehen war, beschloss ich, einfach schon mal hineinzugehen. Zwar war man auf meinen Einfall noch nicht ganz vorbereitet, dennoch dauerte es keine fünf Minuten, bis ich mich im Inneren der heiligen Hallen befand und in Richtung Merchandise-Stand stürmte. Schließlich gab es dort unter anderem die angekündigte, auf 1000 Stück limitierte Tour-EP Radiant Turbulence käuflich zu erwerben. Ihr versteht sicher, dass ich dieses Schmuckstück einfach eintüten musste, oder? Anschließend blieb noch etwas Zeit, ein paar Bier zu organisieren und Leute zu begrüßen, die ich teilweise schon sehr lange nicht mehr gesehen hatte – und ich bin echt oft im Wohnzimmer unterwegs. Schön, dass Seabound nicht nur mich an einem Sonntag hinterm Ofen hervorlocken konnten. Reagan Jones, der Sänger der Supportband Iris, saß ebenfalls mit an der Theke herum und unterhielt sich mit den Gästen. Auch Martin Vorbrodt, den Musikus von Seabound, traf ich dort. Hach, dieses entspannte Miteinander an diesem Abend – toll!
Kurz vor 19.30 Uhr wurde die Tür zum Café geöffnet und die versammelte Meute stürmte hinein. Die Bude war nicht ausverkauft – leider! – dennoch gut gefüllt. Es wird wohl somit jeder einen anständigen Platz für den Konzertgenuss und eventuelles Getanze gefunden haben. Kurz nach halb 8 marschierten Andrew Sega, Reagan Jones und ihre Live-Musiker auf die Bühne, um mit Another Way ihr aus insgesamt 12 Songs bestehendes Set zu eröffnen. Ich sage zwar immer, dass Braunschweig durchaus ein schwieriges Pflaster für Musiker sein kann, um das Publikum in Verzückung und/oder Bewegung zu versetzen. Iris jedoch hatten ganz offensichtlich keine Schwierigkeiten damit, die anwesenden Gäste für sich zu begeistern. Red Right Return, The Marianas Depths oder New Invaders - um nur einige Songs zu nennen, die für manches Lächeln sorgten. Es machte einfach Spaß, das Trio auf der kleinen Bühne dabei zu beobachten, wie sie zunächst ziemlich cool, ja beinahe betont lässig und entspannt, später jedoch energisch ihr Programm spielten. Die Resonanz des Publikums wird wohl einiges dazu beigetragen haben, dass das Trio mit Verlauf des Konzerts die aufgewendete Energie steigerte. Doch, als Einheizer haben Iris einen richtig guten Job gemacht. Ich kam nicht umhin, festzustellen, dass Iris deutlich zu selten auf deutschen Bühnen unterwegs sind. Wer hier Parallelen zu Seabound findet, kann sie behalten.

Nachdem Iris anschließend an das finale Panic Rev die Bühne verlassen hatten, blieb mir ein bisschen Zeit, mich mit neuen Getränken zu versorgen und ganz aufgeregt schnatternd das eben gesehene Konzert für gut zu befinden. Ich war gerade damit beschäftigt, auf diesen schönen Abend anzustoßen, als hinter mir Martin Vorbrodt und Frank Spinath, die Herren Seabound also, auftauchten. Logisch, dass ich diese günstige Gelegenheit dazu nutzte, ein paar Fotos zu machen und ein paar Worte zu wechseln. Viel Zeit dafür blieb jedoch nicht. Natürlich nicht, Seabound waren ja schließlich nicht zum Quatschen gekommen. Drum dauerte es auch nicht lange, bis die Herren in Begleitung ihres Drummers Daniel die Bühne betraten und mit For Life ihren Auftritt einleiteten. Wie schon auf dem aktuellen Album Speak In Storms diente dieser Opener als Übung zum Warmwerden, ehe Seabound ein echtes Gewitter aus Spielfreude und energischer Performance entfachten! Bereits nach dem dritten Song, For Another Day, war ich komplett durchgeschwitzt. Seabound wollten spielen, das Publikum wollte feiern – es passte also alles perfekt zusammen. Nach all den Jahren, all den unzähligen Konzerten, die ich im Meier sehen durfte, können wir nur festhalten: Ich habe es echt selten erlebt, dass Band und Publikum sich derart perfekt aufeinander einstimmten und eine sensationelle Party entfachten!
Da wir es hier mit der Tour zum aktuellen Album Speak in Storms zu tun hatten, bestand ein großer Teil der Setlist natürlich aus Songs desselben. For Another Day fehlte hier genauso wenig wie Contraband, das missverstandene Everything oder das dezent zynische Nothing But Love. Wem das aktuelle Album eine Spur zu schwer ist und der sich fragt, ob die Songs live funktionieren – lasst Euch gesagt sein: jopp, tun sie. Einige meiner Begleiter an diesem Abend hatten das Album vorher noch nicht gehört, waren aber nicht zuletzt der tollen Darbietung wegen danach Feuer und Flamme. Auch diverse Songs aus dem Debütalbum No Sleep Demon fanden ihren Weg ins Set. So zum Beispiel Exorcize, das dem ebenfalls anwesenden Ecki Stieg gewidmeten Avalost oder die letzte Zugabe Hooked. Von den Alben Beyond Flatline und Double-Crosser waren vergleichsweise wenig Songs zu hören, dafür war aber der Übersong Watching Over You Teil des Sets. Sehr schön! Kein Seabound-Konzert wäre komplett ohne den bereits erwähnten Laser. Zum Glück ist es gelungen, auch diesen noch auf der Bühne zu drapieren, sodass die typische Lichtshow in Braunschweig nicht fehlte. Dieses Mal nicht nur in grün, sondern in so ziemlich allen Farben des Regenbogens. Vor allem aber in grün. Für mich das Tüpfelchen auf dem i.

Zwischendurch fand Frank auch die Zeit, ein paar Worte zur Radiant Turbulence EP zu verlieren. Bei zweien der Songs dieses Silberlings handelt es sich um Demos, deren Musik noch original von anno dunnemals stammt, deren Text Frank aber neu eingesungen hatte. Demos, die sie seinerzeit an Dependent, ihr Haus- und Hoflabel, geschickt hatten – und die Dependent-Boss Stefan Herwig damals ablehnte. Begleitet mit den Worten, dass sie so weitermachen sollen, dann würde es schon was werden. Ich bin extrem froh, dass aus Seabound und Dependent letztlich doch noch was geworden ist. Die Musikwelt wäre ohne Seabound deutlich ärmer. Interessant war übrigens auch die Anekdote, warum sie in ihren frühen Tagen New Orders Confusion spielten. Hintergrund: der schlichte Mangel an eigenem Material. Es folgte die Ankündigung, Confusion nie, nie, nie wieder zu spielen. Mit Wortmeldungen dieser Art brachte Frank den Gästen und Fans das Seabound-Universum wieder ein kleines Stückchen näher.

Hach ja: zwei extrem spielfreudige Bands, ein Publikum, das genauso Lust darauf hatte, Spaß zu haben, wie die Akteure auf und hinter der Bühne – die Chemie passte einfach vorne und hinten. Nachdem die Lichter angingen, konnte ich ringsherum glückliche Gesichter sehen. Mitunter schnappte ich Kommentare auf wie »Junge, war das gut!«, »Ich könnte gerade nicht glücklicher sein!« oder »Mir müsste man das Grinsen jetzt aus dem Gesicht schlagen« – wer die Reise nach Braunschweig an diesem Sonntagabend angetreten hat, wird bestätigen können, hier einem nahezu magischen Erlebnis beigewohnt zu haben! Man hört es auf Konzerten immer wieder: Stets sind die anwesenden Gäste das beste Publikum überhaupt und sowieso sei an diesem Abend ja alles so viel tollererererer als sonst. Sicherlich: Als Gast freut man sich über diese kleinen Gesten, so richtig daran glauben wird wohl aber nur selten jemand. Als Sprüche dieser Art allerdings gestern über Franks Lippen kamen, war nicht nur ich dieses Mal nur zu gerne bereit, das zu glauben. Zu deutlich war die Wechselwirkung zwischen Seabounds Spielfreude und der dankbaren, glücklichen Annahme (und entsprechender Würdigung mit permanenter Klatscherei usw.) durch das Publikum.
Leider habe ich keine Möglichkeit, an anderen Konzerten dieser Speak-In-Storms-Tour teilzunehmen. Ich bin mir aber sehr sicher: Braunschweig wird schwer zu toppen sein! Es überkommt mich dabei einmal mehr diese bittere Wehmut, dass ich dieses Ereignis wegen der Schließung unseres Wohnzimmers in 2015 vielleicht niemals wiederholen werden kann. Andererseits: Seabound, Iris und all die vielen Helferlein im Hintergrund, allen voran Thorsten von Advanced Music, haben uns einen tollen Konzertabend geschenkt, der sich wohl für immer in unserem Kopp eingebrannt haben dürfte. Dafür vielen Dank!
Nach dem Konzert fanden sich die Helden des Tages übrigens ziemlich schnell am Merchandise-Stand ein. Wer also aufgrund der Tatsache, dass der Sonntagabend schon weit fortgeschritten war, nicht gleich fluchtartig das Gelände verließ, hatte gute Gelegenheit, mit den Jungs von Iris sowie mit Daniel, Martin und Frank ein paar Worte zu schnacken, sich Autogramme auf die jüngst erbeuteten Devotionalien pinseln zu lassen oder mit den Herren ein Foto zu erhaschen. Eine Gelegenheit, von der auch ich Gebrauch machte. Irgendwann kurz vor 23 Uhr wurde es aber auch für mich Zeit, vom Hof zu reiten – hochgradig glücklich!
Abschließend möchte ich mich noch einmal bei Thorsten von Advanced Music bedanken, der uns Seabound vielleicht letztmalig nach Hause geholt hat. Bei Seabound und Iris für zwei verdammt geile Konzerte. Bei Stefan Herwig für Seabound und Iris. Bei den fleißigen Helferlein im Hintergrund. Und vor allem bei Euch, die Ihr vor Ort gewesen seid und diesen Abend zu dem gemacht habt, was er war: sensationell! Und @Seabound: die Ansage bezüglich des Einreißens – das haben wir gehört. Wir zählen auf Euch!
