Rot als Signalfarbe markiert oft Dinge, die entweder von vornherein nicht ganz bequem sind oder bei entsprechender Missachtung unangenehm oder gar gefährlich werden können. Beispiel: An einer roten Ampel herumstehen ist natürlich unspannend. Einfach weiterlatschen jedoch kann das Leben kosten, wenn ein heranrasendes Auto übersehen wurde. Oder der Fahrer seinerseits das rote Lämpchen übersehen hat. Aufmerksamkeitserregendere rote Fahnen sind gern genommene Symbole, um etwa den Abbruch eines Rennens oder einen Fehlstart zu symbolisieren. Auch im zwischenmenschlichen Bereich wird der Begriff Red Flag verwendet, um Fehlverhalten zu verdeutlichen.
Um zum eigentlichen Thema zu kommen: Red Flags, das neue Album von Ghost & Writer, trägt einen Titel, der passender nicht hätte sein können. Bei ihrer zweiten Zusammenarbeit schwingen Jean-Marc Lederman und Frank M. Spinath permanent die metaphorische rote Flagge, die hier so manchen Fehlstart, Abbruch oder hinterfragenswertes Verhalten markiert. Für Euch sollen die Red Flags aber bedeuten: Achtung! Aufmerksamkeit! Hier wartet gute, unterkühlte elektronische Musik.
Der Gesang und die Texte auf Red Flags kommen hier einmal mehr von Frank M. Spinath (u. a. Seabound, Edge Of Dawn). Da Herr Spinath im wirklichen Leben vor allem Psychologe ist, überrascht es nicht, dass seine Texte mal mehr, mal weniger deutliche Blicke hinter menschliche Fassaden werfen. Just The Same, so viel verrät beispielsweise der Werbetext, befasst sich mit einem Selbstmörder. Oder Gambit, bereits in etwas anderer musikalischer Ausgestaltung auf der Septic X veröffentlicht, lässt sich wie ein Streifzug durch die Gedanken eines glühenden Verehrers (um nicht zu sagen: Stalkers) verstehen, bei dem der Eifer die Grenze zur Gefahr längst passiert hat. Ghost & Writer verkaufen Red Flags als eine Art musikalischen Film Noir, bei dem jeder Song eine eigene, düstere Geschichte erzählt. Und tatsächlich: Nach einem Happy End sucht man in den musikalischen Geschichten vergeblich. Weiterhin heißt es, dass dieses Album für Texter Spinath eine Art Mad-Max-Film darstelle: Endzeit für die Seele und volle Kraft voraus auf Kollisionskurs! Am Ende verlieren alle. Da wären sie wieder, die roten Flaggen.
Inhaltlich ist hier alles bestens. Was allerdings bei Herrn Spinath auch nicht anders zu erwarten war. Sein Kollege Jean-Marc Lederman ließ sich aber auch nicht lumpen und bastelte einen perfekt passenden, musikalischen Untergrund. Stilistisch bewegt sich Lederman hier in einem Umfeld, das seine Wurzeln im Synthie- und Electropop hat, bei dem sich aber auch Einflüsse von Filmmusiken und New-Age-Veteranen wie Jean-Michel Jarre nicht wegleugnen lassen. Es könnte wohl deutlich schlimmer sein, denke ich. Interessant ist, dass die verspielten, durchaus vielschichtigen Arrangements sich zu kühlen Klanglandschaften entwickeln, die sich grundsätzlich gut hören lassen. Die dennoch aber immer wieder mit entsprechenden Kniffen aufwarten und somit dafür sorgen, dass der Hörgenuss nie zu bequem ausfällt. Das ist nur konsequent. Wenn es den Protagonisten des Albums nicht gut geht, warum sollte dann der Hörer nicht auch etwas davon abbekommen? Bemerkenswert ist außerdem, dass das oft wunderbar analog wirkende Klangbild überraschend luftig und dynamisch aus den Boxen tönt. In Zeiten, in denen der Klang so vieler Alben irgendwie gepresst wirkt, eine echte Wohltat. Ob das eventuell am Mastering von Daniel Bressanutti (Front 242) liegen mag?
Hörer des ersten Albums werden bei Red Flags ein bereits bekanntes Muster wiedererkennen: Lediglich bei den ersten 8 Songs dieses Albums handelt es sich um wirklich neues Material. Die anderen 8 Stücke sind Remixe befreundeter Bands. Ausgewählt wurden sie von Frank Spinath. Es handelt sich hierbei durchgängig um Künstler, deren Tun ihm persönlich gut gefällt. Dieses Vorgehen wird sicher – genau wie schon bei Shipwrecks – Trolle auf den Plan rufen, die Ghost & Writer unterstellen wollen, es handele sich bei Red Flags um eine Mogelpackung. Kinder, dem ist nicht so. Die jeweils zwei alternativen Versionen der 8 Songs sind die beiden Seiten einer Medaille. Zwangsläufig unterschiedlich ausgeleuchtet, aber untrennbar vereint. Da wirkt etwa die düstere Selbstmördergeschichte Just The Same in der Version von Iris gleich ganz anders. So ließe sich hier beispielweise die Flucht eines von Konsumwahn und Social-Media-Terror geplagten Individuums heraushören, das auf der Suche nach einer Möglichkeit ist, einen Gang zurückzuschalten. Es muss ja nicht gleich die 9-mm-Kugel sein, die sich den Weg in die eigene Birne sucht. Man könnte die Gegenüberstellung auch mit den restlichen 7 bzw. 14 Songs fortführen. Wie Tag und Nacht, wie Licht und Schatten, wie Gut und Böse, wie Jekyll und Hyde – das eine kann ohne das andere nicht existieren. Sicherlich hätten Ghost & Writer die Remixe weglassen können – wir hätten dann aber nur eine Version der Geschichte zu hören bekommen, bei der womöglich ein entscheidendes Element fehlt. So aber sind die Alternativversionen mitnichten Mogelpackungen, sondern (teilweise ganz schön gegensätzliche) Schnittfassungen ihres Film Noire.
Einfacher (und wahrscheinlich erfolgsbringender) wäre es für Ghost & Writer gewesen, 10 bis 14 Songs aufzunehmen, sie mit inhaltlichen Allgemeinplätzen zu füllen, wie sie in der Szene gern genommen werden (irgendwas mit dark, soul, suffering in willkürlicher Reihenfolge geht schließlich immer!), ordentlich Bumms drunterzulegen und den Soundregler auf Anschlag zu bringen. Es ist ein Glück für die Musikkultur, dass Ghost & Writer genau das nicht getan haben und Red Flags das geworden ist, was es ist: ein großes Album mit dem Zeug zum richtungsweisenden Klassiker.
Schon das erste Ghost-&-Writer-Album Shipwrecks war eine ganz und gar leckere Kost für Musikgenießer mit gehobenen Ansprüchen. Jenseits von stumpfsinnigen Texten und simplem Electro-Gestampfe angesiedelt, hat sich die berauschende Faszination des Debüts nicht jedem Hörer erschlossen. Gut so. Einheitsbrei, der den Massengeschmack bedient, gibt es ja schließlich auch genug. Schön, dass die Herren Lederman und Spinath diesen Weg konsequent weitergehen. Es wird Hörer geben, die jammern, weil nur 8 Songs dieses Albums wirklich neu und der Rest Remixe sind. Und es wird Hörer geben, die jammern, dass ihnen das nicht gut genug ins Ohr geht oder sie nicht so richtig dazu zappeln können. Ja mei. Dann aber wird es auch Hörer geben – und zu denen zähle ich mich auch – die baden förmlich in den großartigen Songs. Vielleicht ist Red Flags nicht das eingängigste/poppigste/was-auch-immerigste Electro-/Synthie-Pop-Album dieses Jahres. Wobei hier auch angezweifelt werden darf, dass dies die Ambitionen des dynamischen Duos gewesen sind. Unbestreitbar ist jedoch: Red Flags gehört zu den spannendsten Alben des Jahres! Zusammen mit dem wie immer schnuckeligen Artwork von Guiding Light Claudia Schöne ergibt das für mich eine runde Sache, die ich Euch nur zu gern empfehle.
