„Für mich bedeutete das Zitat von Beginn an mehr als nur das Überstehen einer Nacht“: Interview mit Edge of Dawn über Anything That Gets You Through The Night
© GuidingLight Music Photography Claudia Schöne

„Für mich bedeutete das Zitat von Beginn an mehr als nur das Überstehen einer Nacht“: Interview mit Edge of Dawn über Anything That Gets You Through The Night

Die Fachpresse ist sich einig, Musikliebhaber sowieso, und auch die Pole Position in den DAC‑Charts spricht eine deutliche Sprache: Mit Anything That Gets You Through The Night ist Edge of Dawn einmal mehr ein Meisterstück gelungen, welches in diesem Jahr durchaus als Referenz in Sachen hochwertiger, elektronischer Musik angesehen werden kann. Wenn nicht sogar muss. Grund genug für uns, den Herren Mario Schumacher und Frank Spinath einmal mehr auf den Zahn zu fühlen. Was es also im Zusammenhang mit Anything That Gets You Through The Night noch zu wissen gibt, erfahrt Ihr nun hier. Viel Spaß!

Roman Jasiek: Liebe Leute, kommen wir doch gleich direkt auf Euren neuen Geniestreich Anything That Gets You Through The Night zu sprechen: Seid Ihr bei diesem Album eventuell anders vorgegangen als beim letzten Album Enjoy The Fall?

Mario Schumacher: Jeder Song ist für uns ein eigenständiges Werk. Insofern versuche ich, jeden Song musikalisch auch auf eigene Art und Weise anzugehen. Das bedeutet nicht nur, immer wieder neue Sounds auszuprobieren, um die Klangpalette von Edge Of Dawn zu erweitern, sondern auch, mit Arrangements und Spannungsverläufen zu experimentieren. Frank und ich spielen uns bei dem Arrangieren von Songs gerne die Bälle zu. Ich schicke ihm die Songs per E-Mail zu und er gibt mir Feedback und bringt Ideen ein. Dies ist ein sehr spannender Prozess, denn mit einem alternativen Arrangement kann sich ein Stück in eine ganz andere Richtung entwickeln. Mit All The Time beinhaltet unser neues Album auch einen Song, für den Frank mit einem Minimal-Arrangement, bestehend aus Drums, einer einfachen Bassline, einem Flächenklang und eben seinem Gesang, die Grundlage geliefert hat. Basierend auf dieser Grundstruktur habe ich den Song dann musikalisch „eingekleidet“ und auch zusätzliche Songparts eingebaut. Es hat Spaß gemacht, einen Song auf diese für uns untypische Weise zu produzieren.

Roman Jasiek: Schon im letzten Interview vor drei Jahren habe ich festgestellt, dass Eure Songs sehr nach langem, liebevollem Feinschliff klingen. Das habt Ihr mit dem neuen Album noch einmal getoppt. Frage nun: Wie lange habt Ihr im Schnitt an den Songs gebastelt, bis Ihr dachtet: »Schluss jetzt, reicht«? Und wie lange habt Ihr insgesamt, also quasi von der „Grundsteinlegung“ bis zur Pressung, für Anything That Gets You Through The Night gebraucht?

Mario Schumacher: Der Schaffensprozess hat letztendlich drei Jahre gedauert. Uns ist es wichtig, dass jedes Album eine musikalische Weiterentwicklung darstellt. So haben wir uns den Luxus erlaubt, in den vergangenen Jahren an allen Aspekten unseres Schaffens zu feilen: vom Songwriting, dem Schreiben der Texte, dem Arrangieren und dem Sounddesign bis hin zum Mastering. In den letzten Jahren habe ich mich mit verschiedensten Musikrichtungen beschäftigt. Dies hat mir geholfen, meinen musikalischen Horizont zu erweitern, was auch Edge Of Dawn zugutekommt. Für mich spielte musikalische Vielfalt immer eine wichtige Rolle und so war es mir eine Herzensangelegenheit, dass wir auch die stilistische Bandbreite unserer Band erweitern. Nach Abschluss der Produktion habe ich mich auch noch mal intensiv mit dem Thema Mastering beschäftigt. Die Zielsetzung war, das Album nicht, wie es heute üblich ist, zugunsten einer maximalen Lautheit tot zu komprimieren, sondern ihm einen dynamischen und lebendigen Sound zu verleihen. Wir hoffen, dass uns auch vom Klangbild her ein Album gelungen ist, bei dem man nach einem Hördurchgang gerne den Repeat-Schalter betätigt.

Roman Jasiek: Der Titel, die Fotos im Booklet, die Texte – all das lässt ja jede Menge Spielraum für Assoziationen, Kopfkino und dergleichen. Wie habt Ihr denn dieses Mal Euer Thema gefunden? Oder hat es Euch gefunden? Was hat Euch inspiriert?

Frank M. Spinath: Im Zusammenhang mit dem neuen Album spielen Zitate eine wichtige Rolle. Zunächst einmal ist der Titel Anything That Gets You Through The Night ein Zitat von Frank Sinatra. Es drückt aus, dass es eine Rechtfertigung für unangemessenes Verhalten geben kann, wenn dieses seinen Zweck erfüllt. Bei Sinatra waren das wohl vor allem Alkohol und Liebesaffären. Für mich bedeutete das Zitat von Beginn an mehr als nur das Überstehen einer Nacht. Um diese zweite Bedeutung herum haben wir im Laufe der Arbeiten am Album eine Geschichte entwickelt und im Booklet mit Bildern und einschlägigen Bibelzitaten illustriert. In dieser Geschichte geht es um einen Unheilbringer, der sich eine Frau für die Nacht gesucht und auf sein Hotelzimmer mitgenommen hat. Wir sehen, wie sie sich auszieht, während wir sein Gesicht nicht erkennen können. Das Bibelzitat »Ye are of your father the devil, and the lusts of your father ye will do« verrät, dass der Unheilbringer selbst Teil eines größeren Geschehens ist und eventuell keine Kontrolle darüber besitzt, was sich abspielt. Auch das Artwork, das Claudia Schöne sehr einfühlsam für uns umgesetzt hat, verdeutlicht, dass sich hier etwas Düstereres und Größeres anbahnt, als auf den ersten Blick ersichtlich ist.

© GuidingLight Music Photography Claudia Schöne

Roman Jasiek: Apropos Fotos – das schicke Artwork von Claudia Schöne schreit ja eigentlich fast nach einer schicken Limited Edition. War es eine bewusste Entscheidung, Euer neues Album quasi nur als Standardversion zu veröffentlichen, oder hat es sich schlicht nicht ergeben?

Frank M. Spinath: Für mich ist die vorliegende CD schon eine kleine Sonderedition, da wir sowohl in Europa als auch in den USA ein 24-seitiges Booklet realisieren konnten, obwohl es bei den amerikanischen Veröffentlichungen eigentlich strikte Beschränkungen auf weniger Seiten gibt. Es freut mich übrigens sehr, dass Dir das Artwork gefällt. Wir erleben derzeit, dass insbesondere das Cover die Betrachter spaltet, was ganz gut die Diskussionen auch in der Band widerspiegelt, die wir über das Covermotiv geführt haben. Für mich kann ich sagen, dass es bisher noch kein einziges Cover eines Musikprojektes mit meiner Beteiligung gab, das besser die Stimmung einfängt, die Texte und Musik für mich erzeugen. Ich sollte mich wohl an dieser Stelle noch mal bei Mario bedanken, der dem Motiv trotz eigener Bedenken schließlich zugestimmt hat.

Roman Jasiek: Wie kam es eigentlich zu der Zusammenarbeit mit Reagan Jones? War die Geburtsstunde dieser Kollaboration etwa das Seabound-Konzert in San Francisco, bei dem Mr. Jones bei Watching Over You mit auf die Bühne kam?

Frank M. Spinath: Die gemeinsame Liveversion von Watching Over You mit Reagan war ein sehr bewegender Moment in meiner musikalischen Biografie und hat sicher dazu beigetragen, dass wir ein gemeinsames Stück in Angriff genommen haben. Meine Freundschaft mit Reagan reicht jedoch schon länger zurück. Ich habe Reagan und Andrew von Iris im Jahr 2002 bei einem frühen Seabound-Konzert in San Antonio (Texas) kennengelernt. Die beiden kamen nach dem Konzert hinter die Bühne, haben uns zur Show gratuliert und mir ein Exemplar ihrer Unknown Single in die Hand gedrückt. Ich bin erst nach meiner Rückkehr nach Deutschland dazu gekommen, die CD zu hören, und war völlig geplättet, weil es bislang mit Abstand die beste CD war, die mir jemand persönlich nach einem Konzert zugesteckt hat.

Roman Jasiek: Ab und zu sind auf Anything That Gets You Through The Night auch weibliche Stimmen zu hören, was mich natürlich auch unweigerlich an Kiss Or Kill zusammen mit Charlene April von Blind, Faith & Envy denken lässt. Es gibt bzw. gab ja auch eine Promo zu Losing Ground, das ebenfalls im Duett mit Frau April eingesungen wurde. Ein sehr schöner Song, wie ich finde. Habt Ihr eventuell vor, diesen Song noch einmal der Öffentlichkeit zugänglich zu machen?

Frank M. Spinath: Es stimmt, Charlene Aprils Stimme auf dem Blind, Faith & Envy Remix von Losing Ground und bei Kiss Or Kill ist eine gelungene Ergänzung und verleiht den Songs das gewisse Etwas. Kiss Or Kill ist auf unserer 2007 veröffentlichten Borderline Black Heart EP enthalten. Der Remix von Losing Ground wurde zunächst nur als exklusiver Download für Käufer der The Flight (Lux) EP angeboten. Die von Dir angesprochene polnische Promo-CD von Losing Ground ist nie regulär erschienen. Eventuell werden wir die letzten Exemplare dieser Promo-CD aber zu einem späteren Zeitpunkt über unsere Webseite anbieten.

Roman Jasiek: Auf was dürfen wir uns denn als Nächstes von Euch freuen? Gibt es schon Pläne für die Zeit nach Anything That Gets You Through The Night? Eine begleitende EP bzw. Singleauskopplung zum Beispiel? Oder macht Ihr jetzt erst mal ausgedehnten Urlaub?

Frank M. Spinath: Wir arbeiten derzeit mit verschiedenen Remixern zusammen, die ausgewählte Stücke des Albums neu interpretieren. Was uns bisher vorliegt, finde ich – daraus mache ich gar keinen Hehl – fantastisch! Nachdem ich in der Vergangenheit nicht immer glücklich war mit Remixen und selbst so meine Vorbehalte gegenüber reinen Remix-Veröffentlichungen hege, ist das Material, was wir da gerade zusammentragen, hochwertig. Unter den Freunden und Kollegen, die Remixe angefertigt haben, sind u. a. Daniel Myer, Cryo und Steril. In welcher Form die Tracks erscheinen werden, ist derzeit noch nicht endgültig geklärt, aber dass sie veröffentlicht werden sollen, ist sicher.

Roman Jasiek: Im Interview vor drei Jahren stand fest, dass Dependent die Pforten schließen würde. Wie sich herausgestellt hat, Gott sei Dank nicht für immer. So manche ehemalige Labelkollegen haben sich in der Zwischenzeit ein neues Zuhause gesucht. Wie war das bei Euch? Habt Ihr Alternativen gecheckt oder stand für Euch von Anfang an fest: Wenn Release, dann nur
über Dependent?

Frank M. Spinath: Die Schließung von Dependent erfolgte unmittelbar nach der Veröffentlichung unserer bereits angesprochenen Borderline Black Heart EP, die dem Debüt-Album Enjoy The Fall gefolgt war. Für uns war damals klar, dass es eine Weile dauern würde, bis genügend neues Material für eine nächste Veröffentlichung vorliegen würde. Und so haben wir damals versucht, das Ganze so locker wie möglich zu sehen. Wie sich nun gezeigt hat, war das die richtige Strategie, denn pünktlich zum Albumnachfolger ist auch Dependent aus dem Dornröschen-Schlaf erwacht (lacht).

Roman Jasiek: In dem Zusammenhang: Dependent machte ja damals dicht, weil sie den Kampf gegen die elende Raubkopierei nicht mehr fortführen wollten. Wie sehr seid Ihr als Band von den Downloads betroffen?

Frank M. Spinath: Nicht einmal zwei Tage nach dem offiziellen Release unseres Albums in Europa war Anything That Gets You Through The Night bei einem einzelnen Filesharing-Anbieter über 1.000 Mal heruntergeladen worden. Was soll ich dazu sagen? Mittlerweile wirst du als Künstler vor der Veröffentlichung deiner CD gefragt, ob du dich finanziell daran beteiligen willst, dass eine Firma, die du monatlich bezahlen musst, Links von Share-Hostern entfernt. Ein absurdes Theater. Dass der Respekt vor der (kreativen) Arbeit anderer verloren gegangen ist, ist bitter. Aber dieses Rad dreht niemand mehr zurück, wenn du mich fragst.

Roman Jasiek: Vielen Dank bisher an dieser Stelle für Eure Zeit und Antworten. Abschließend: Mein Motto ist ja „it’s all about GUDDE LAUNE“. Ein schönes Schlusswort, wie ich finde. Aber die letzten Worte gehören selbstverständlich Euch.

Frank M. Spinath: Gudde Laune passt! Wir haben heute erfahren, dass Anything That Gets You Through The Night auf Platz 1 der Deutschen Alternative Charts (DAC) geklettert ist. Ein großes Dankeschön an alle, die uns dabei unterstützen, dass Edge Of Dawn Gehör finden – und da darfst Du Dich natürlich rundum angesprochen fühlen! (lacht)

Roman Jasiek

Hi, ich bin Roman! Ich bin ein Kind der 80er und schreibe seit Ende der 1990er-Jahre Dinge ins Internetz. Mein Herz schlägt für Musik, Comics, Collectibles, Essen, Reisen, Wandern und meine Lieblingsmenschen. Ich lebe und arbeite in Gardelegen.