Es ist ein bisschen wie mit Weihnachten: Alle Jahre wieder lockt mich das Blackfield Festival hinter dem Baum hervor. Zum siebten Mal fand das schnuckelige Festival inzwischen statt. Wie gehabt an der gewohnten Stelle: im Amphitheater des Nordsternparks in Gelsenkirchen. Da ich die vorhergehenden sechs Blackfield Festivals ebenfalls besucht hatte und jedes Mal begeistert nach Hause gefahren bin, war klar für mich, dass wir auch beim oft verflixten siebten Mal die Anreise nach Gelsenkirchen auf uns nehmen würden, um in entspanntester Atmosphäre Konzerte zu genießen, alte Bekannte zu treffen und einfach eine gute Zeit zu haben. Somit machte sich am Morgen des 20. Juni 2014 eine kleine Reisegruppe auf den Weg Richtung Schalke. Und wie immer, wenn ich eine Reise mache, habe ich hinterher etwas zu erzählen. Leute, es folgt mein Bericht vom diesjährigen Blackfield Festival.
Freitag, 20. Juni 2014
Meine Anreise gestaltete sich in diesem Jahr ziemlich stressfrei. Zurückdenkend an das letzte Jahr, in dem ich eine stundenlange Vollsperrung der A2 umfahren musste (und dabei an Bruchtal vorbeikam, jawoll!), war es dieses Mal der reinste Sonntagsspaziergang. Irgendwann kurz nach 14 Uhr erreichte ich mein Hotel in Essen. Einen flotten Check-in und ein erstes Ankunftsbier später war ich auch schon direkt auf dem Weg zum Gelände. Ich erreichte den Nordsternpark noch vor Einlassbeginn, was mir die bequeme Möglichkeit verschaffte, entspannt mein Bändchen einzusammeln und unmittelbar zum Einlass auf das Gelände zu wackeln. Damit hatte ich es in den sieben Jahren, die ich nun Besucher des Blackfields bin, erstmals geschafft, pünktlich zum Anpfiff vor Ort und Stelle zu sein. Es ist beinahe unnötig zu erwähnen, dass wir das an den folgenden Tagen nicht mehr hinbekommen haben. Die Zeit bis zum Spielbeginn der ersten Band nutzte ich, um mir ein bisschen das Gelände anzugucken. Viel verändert hatte sich zum Vorjahr nicht. Vor den Toren des Geländes gab es auch in diesem Jahr wieder allerhand Stände für die Mittelalterfraktion, allen voran natürlich Speis und Trank. Auf dem Vorplatz befanden sich einmal mehr die Cocktailbar und die zugehörigen Sitzgelegenheiten sowie diverse Stände, an denen man seine Taler für Bier, Merchandise, CDs, Bier, Fressalien und Bier ausgeben konnte. Insgesamt wirkte das Aufgebot dieses Jahr ein bisschen luftiger als in den Jahren zuvor. Ob ein paar der üblichen Standplatzmieter in diesem Jahr fehlten? Man weiß es nicht. Der Autor dieser Zeilen vermisst ein bisschen die Currywurstbude vom letzten Jahr, aber das ist ein persönliches Ding. Das große Partyzelt, das sich einmal mehr gegenüber der Bühne befand, wurde auch in diesem Jahr wieder für die Autogrammstunden und, später am Abend, für die Aftershowparty genutzt.
Alles in allem: Wer schon einmal am Blackfield teilgenommen hat, fand sich nicht nur sofort zurecht, sondern fühlte sich auch direkt heimisch. Nach meinem Dafürhalten gibt es nur wenige Festivals, die einem so sehr eine Art von „nach Hause kommen“-Gefühl vermitteln, sobald man die ersten Schritte über das Gelände gemacht hat. Angetan von einer dieser Buden, die einem das Bier förmlich aufdrängten, hätte ich beinahe den Anpfiff für Austerity Complex verpasst. Jene Band, die nach dem Willkommensgruß von Jens Domgörgen (X-Divide, Das perfekte Electro-Dinner) die ewig fiese Aufgabe hatte, als vergleichsweise unbekannte Band das Festival musikalisch zu eröffnen.

Das Duo, das aus Nigel Wheeler (Keyboard und Gesang) sowie André Schuster (Programmierung, Keyboard) besteht und sich musikalisch im Bereich des Synthie- bzw. Electro-Pop mit einigen Anleihen aus dem Sound der 80er bewegt, nahm den Umstand, dass sich noch nicht fürchterlich viele Leute eingefunden hatten, ziemlich gelassen und lieferte eine hübsche, kleine Show. Zu einem späteren Zeitpunkt im Spielplan des Festivals wäre die Resonanz sicher höher gewesen, aber so ist das nun mal: Irgendwer muss halt anfangen. Wir haben uns das Konzert jedenfalls gerne angeschaut und würden sicher an anderer Stelle noch mal ein Ohr riskieren.
Nach ihrem kurzen Set galt es, den Widerstand gegen das permanent angebotene Bier aufzugeben und sich schon mal ein bisschen die Kehle zu befeuchten – die Erlangener Spielmannsleute von Feuerschwanz standen als Nächstes auf dem Plan. Ich hatte Feuerschwanz irgendwann in grauer Vorzeit schon einmal auf dem WGT gesehen und wusste daher: gleich wird es lustig. Was wir in der folgenden, guten halben Stunde von Hauptmann Feuerschwanz, Johanna von der Vögelweide, Sir Lanzeflott, Mieze Musch-Musch, Felix Taugenix und Prinz Hodenherz geboten bekommen sollten, entwickelte sich ungelogen zur Show mit dem größten Spaßfaktor des gesamten Festivals! Gleich die zweite Band setzte die Messlatte so hoch, dass die nachfolgenden Konzerte, mögen sie noch so gut gewesen sein, da nicht mehr mithalten konnten. Ob nun Metnotstand im Märchenland oder Hurra, Hurra, die Pest ist da - charmantere Alberei habe ich seit langer Zeit nicht gesehen. Daher die dringende Empfehlung meinerseits: Sollte dieser wilde Haufen dereinst in Eurer Nähe zu Met, Gesang und Tanz laden – unbedingt anschauen! Auch dann, wenn Ihr der Mittelaltermucke ansonsten nicht so zugetan seid. Wir freuen uns schon auf das nächste niemals endende Gelage mit dieser Bande.

Erheitert von dem tollen Auftritt gerade wurde es Zeit, kurz beim Bratwurstbräter einzukehren und sich für den schweißtreibenden Auftritt des Gothministers zu stärken. Man hatte in der Umbaupause eine Leiter auf die Bühne geschafft, diese mit einem schwarzen Banner verhüllt, auf dem das Gothminister-Logo prangte. Gothminister, Bjørn Alexander Brem, wie eh und je mit weißem Make-up und reichlich Kunstblut dekoriert, nutzte diese Empore dann auch immer wieder für die musikalische Ansprache an das inzwischen schon ziemlich reichlich versammelte Feiervolk. Ob nun Liar oder Utopia - mit dem energisch dargebotenen Parteiprogramm des Gothministers dürfte wohl jeder Anhänger zufrieden gewesen sein.

Es folgten NamNamBulu. Eigentlich hätten an diesem Punkt Frozen Plasma spielen sollen, Felix Marc jedoch war leider aus beruflichen Gründen verhindert. Na immerhin: einen gemeinsamen Nenner haben beide Bands: Vasi Vallis, der für beide Acts die Songs schraubt. Dieser wirkte während des Auftritts insgesamt auch eher mäßig begeistert, wie er da hinter seinem MacBook herumwuselte. Deutlich spielfreudiger kam uns Sänger Henrik Iversen vor, der durchgängig mit einem sympathischen Lächeln gute Laune verbreitete. Klassiker wie Memories oder Now Or Never sorgten für zufriedene Gesichter im Lager der FuturePop-Anhänger, mich kickte der Auftritt insgesamt aber nicht so.

Für den Rest des Abends sollte es noch einmal mittelalterlich werden. Die Spielleute von Saltatio Mortis standen als Nächstes auf dem Zettel und, was will man noch groß sagen – sie gehören definitiv zu der Sorte Band, die einen Platz ganz oben auf einem Festivalplakat verdient hätte. Wenn es die Aufgabe eines Headliners ist, die versammelte Meute zu mobilisieren, dann würden Saltatio Mortis diesen Job hervorragend erledigen können. So viele erhobene Hände, die entweder mitwogten oder begeistert klatschten, konnte ich ansonsten nur noch bei den eigentlichen Headlinern ASP und VNV Nation beobachten. Ich meine: Mit ihrer Show haben Alea der Bescheidene und Kollegen so ziemlich alles richtig gemacht. Genau wie die nachfolgenden Unterhaltungskönige Schandmaul. Es war gut und richtig, dass die Münchener die Position des Headliners des Freitags inne hatten. Im Januar erst veröffentlichten die Schandmäuler ihr aktuelles Album Unendlich, von dem es natürlich einige Songs in die Setlist schafften. So unter anderem das ergreifende Euch zum Geleit, bei dem so mancher Schauer die Rücken entlang gelaufen sein dürfte. Ebenfalls dabei: Der Teufel..., die Partyhymne des aktuellen Albums, bei dem die Schandmäuler Unterstützung von Marc-Uwe Kling erhielten. Kling ist vor allem bekannt durch Bücher wie Die Känguru-Offenbarung oder Die Känguru-Chroniken. Über ihn heißt es auf seiner Facebook-Seite: Marc-Uwe Kling wurde geboren. Er studierte an der Großen Akademie von Lagado, wie man ein Haus vom Dach her nach unten baut. Er hat über seinen Mitbewohner, ein kommunistisches Känguru, zwei kapitalismuskritische Bücher geschrieben, welche sich total gut verkaufen. Außerdem macht er mit seiner Band Die Gesellschaft Reformhauspunk und am Ende muss wieder der Steuerzahler für alles aufkommen. Hey. Ho. Let's go.
Wissta bescheid.
In der Setlist dieses Abends fehlten aber auch nicht die großen Klassiker Schandmauls. So wurde Dein Anblick genauso gefeiert wie die Herren der Winde. Dazwischen bewies sich Frontmann Thomas Lindner als hervorragender Geschichtenerzähler. Auch die restlichen Schandmäuler ließen sich nicht lumpen und präsentierten sich voller Elan und Spielfreude, sodass die sehr zahlreichen Gäste ein rundherum wunderbares Konzert geboten bekamen. Tatsächlich empfand ich diesen Auftritt als einen perfekten Ausklang eines gelungenen ersten Festivaltages. Anschließend zog es mich noch in Richtung Partyzelt, um wenigstens einen Blick auf die Aftershowparty zu werfen. Geschafft von der Anreise und dem ersten Tag hielt ich es allerdings nicht mehr lange aus. Man ist halt dummerweise keine 20 mehr, ne.

Samstag, 21. Juni 2014
Da ich die letzte Nacht im Hotel verbrachte und das Auschecken usw. ja noch auf dem Zettel stand, hatte ursprünglich den Plan, zeitig in die Spur zu kommen, damit ich pünktlich um 11 zu Terrolokaust vor der Bühne sein konnte. Wenn Ihr die Berichte der letzten Jahre kennt, dann ahnt Ihr es bereits: Es ist bei diesem Plan geblieben. Nach einem Schlenker nach Gelsenkirchen, wo ich weitere Truppenteile meiner Reisegruppe einsammelte und unser Schlaflager hin verlagerten, schaffte ich es immerhin, kurz nach 15 Uhr auf dem Gelände zu sein. Vier Stunden später als geplant. Alles wie immer also.
Diorama allerdings konnte und wollte ich mir nicht entgehen lassen, schließlich ist die Truppe um Torben Wendt eine meiner liebsten (Live-)Bands. Der Blackfield-Auftritt der Reutlinger bestätigte mich nur einmal mehr in meiner Meinung. Eingeleitet wurde der wie immer viel zu kurze Gig mit Erase Me in der Langfassung. Hach, ein Knaller direkt zu Beginn. Torben (hier und heute mit Hipster-Mütze) und Kollegen spielten einen hübschen Querschnitt durch das bisherige Schaffen. Logisch, dass auch Stücke aus dem letzten Album Even The Devil Doesn't Care nicht fehlten: The Scale, When We Meet Again In Hell, um nur einige zu nennen. Aber auch Dauerbrenner wie Exit The Grey oder Synthesize Me sorgten für viel gute Laune. Es war vielleicht nicht das beste Diorama-Konzert, das ich gesehen habe. Dennoch aber eine gewohnt gute Show, die gerne länger hätte dauern dürfen.

Nach Diorama durften einmal mehr Schweizer die Bühne erobern: The Beauty Of Gemina. Die Düsterrocker um Frontmann Michael Sele hatte ich zuletzt auf dem Amphi Festival vergangenes Jahr gesehen. Dort allerdings nur am Rande. Auch diese Band hatte mit Ghost Prayers Anfang Februar erst ein neues Album veröffentlicht. Ein tolles Album, fürwahr, und definitiv ein Grund, dem Auftritt von The Beauty Of Gemina mit gebotener Aufmerksamkeit zu folgen. Ein Konzert dieser Schweizer ist gekonnte Reduktion auf Wesentliches. Keine Bühnendeko, kein Effektgewitter mit Lichtern und/oder Nebel – nur drei Männer, die ein mehr als solides Rockkonzert spielten – und nebenbei mit sattem Sound begeisterten. Die schweren, mitunter monotonen Sounds von The Beauty Of Gemina sind aus der Konserve nicht jedermanns Geschmack. Dank der überzeugenden Live-Darbietung, bei der sich das Trio als durchaus sympathisch erwies (jepp, ihr seid besser als eure Fußballer), mag das eventuell dazu beigetragen haben, dass sie ein paar Neuhörer dazugewinnen konnten.

Es folgten Diary of Dreams, die spontan ihren Weg in das diesjährige Line-Up gefunden hatten und den leider verhinderten Johan van Roy bzw. Suicide Commando ersetzten. Vielleicht erinnert Ihr Euch: In vergangenen Festivalberichten war mitunter von einer Müdigkeit die Rede, die ich beim Thema Diary of Dreams verspürte. Zu oft hatte ich Adrian Hates, Gaun:A und den Rest der Truppe schon live gesehen. Dann aber veröffentlichten die Tagebuchträumer im März das höchst sensationelle Elegies In Darkness - und das Feuer, die Begeisterung für Diary of Dreams, war wieder voll entfacht! Daher freute mich tatsächlich, dass Diary of Dreams auf dem Blackfield für Suicide Commando einsprangen. Und Diary of Dreams schienen sich über die Möglichkeit auch gefreut zu haben. Mit anderen Worten: Die Band hatte richtig Bock zu spielen, und lieferte, unterstützt endlich wieder von Torben Wendt (Diorama) am Keyboard, eine Show, die mit „supergeil“ noch ziemlich zurückhaltend umschrieben ist. Das lag zum einen natürlich an Krachern wie Malum aus dem aktuellen Album, aber auch an (teilweise) lange nicht mehr gehörten Überfliegern wie Haus der Stille, Kindrom oder King Of Nowhere. Adrian Hates schien selbst ziemlich überrascht gewesen zu sein, wie gut die Show ankam und wie sehr die Band für die gelungene Setlist gefeiert wurde. So viele Danksagungen während einer Show habe ich bei Diary of Dreams bislang noch nicht erlebt. Wie gesagt: Die Glut, die zuletzt gerade noch so vor sich hinloderte, damit mich immer noch als Fan bezeichnen konnte, wurde wieder entfacht. Am liebsten möchten wir Diary of Dreams gleich noch mal gucken. Tolles Konzert!

Ausgehend von den T-Shirts, die viele Festivalbesucher trugen, schien die nachfolgende Industrial-Legende Front Line Assembly der heimliche Headliner des siebten Blackfields gewesen zu sein. Nun mag man von Bill Leeb und Kollegen halten, was man möchte, aber eines ist unbestreitbar: Seit bald 30 Jahren erfindet sich die Band musikalisch stets neu und scheut auch nicht davor zurück, aktuelle Trends in ihr ganz eigenes Klangkonstrukt einzuflechten. So sind die aktuellsten Alben beispielsweise durchzogen von Dubstep- bzw. Drum’n’Bass-Einflüssen. In der langsam untergehenden Abendsonne lieferten FLA ein energisches Gewitter, das mir vor allem wegen einer Sache in Erinnerung bleiben wird: fettester Sound! Ich befand mich während des Konzertes am oberen Ende der Tribüne und hatte dennoch das Gefühl, komplett von den deftigen industriellen Sounds eingehüllt gewesen zu sein. Wer immer behauptet, Musik sei ein Mantel – hiermit wäre die Bestätigung erfolgt. Unter den Gästen, die sich in den Klängen FLAs verloren hatten, entdeckten wir auch einen offensichtlich begeisterten Daniel Myer. Wenig überraschend eigentlich, ihn hier zu erspähen, gilt er selbst doch auch als Soundtüftler deluxe.

Nach FLA blieb nur noch eine Band übrig: VNV Nation. Diese Headlinerkonstellation, wie ich sie in diesem Jahr erlebte, hatten wir zuletzt 2009 in Gelsenkirchen. Seinerzeit verhielt es sich genauso: Der Samstagabend gehörte Ronan Harris und Mark Jackson, der Sonntag hingegen Alexander Spreng. So war es auch dieses Mal. Wann immer ich im Freundeskreis über VNV-Nation-Konzerte rede, landen wir alsbald bei der Feststellung, dass die 2009er Blackfield-Show eine der besten war, die wir jemals gesehen hatten. Und Ihr dürft mir glauben, inzwischen habe ich echt so einige Konzerte von Onkel Ronan gesehen. Zwar gehen die Meinungen über das letzte Album Transnational selbst innerhalb unseres Freundeskreises auseinander, dennoch: Wir freuten uns gemeinsam in gleichem Maße auf das vor uns liegende Konzert. Auch wenn wir nach den vielen Konzerten den Ablauf eigentlich schon hätten vorher sagen können. Das ist halt der Preis, wenn man die gleichen Bands andauernd schaut. VNV Nation schufen mit Retaliate vom aktuellen Album einen gelungenen Einstieg in ein Konzert, bei dem es mit Chrome, Illusion, Control, Nova und dem obligatorischen Ausklang Perpetual an keinem Hit fehlte. Spannend zu erleben war allerdings, dass sich mit Homeward oder Fearless auch hier einige Songs in der Setlist befanden, die zumindest ich schon eine ganze Weile nicht mehr live geboten bekam. Übrigens: Hatte ich nicht weiter oben im Text festgestellt, dass es eine der Aufgaben eines Headliners sei, dafür zu sorgen, dass sich so viele Besucher wie möglich bei dem Konzert tummeln und für ordentlich Stimmung zu sorgen? Nun, dann erklärt sich, warum VNV Nation stets ganz oben auf dem Plakat steht. Bis in die obersten Reihen feierten und tanzten die Besucher und sangen die Songs lautstark mit. Der Autor nutzte die Gunst der Stunde, um sich um die Bierentsorgung zu kümmern, und kann nun bestätigen: Wenn VNV Nation spielen, gleicht der Rest des Blackfields einer Geisterstadt. Bis auf ganz wenige Leute waren wirklich alle vor der Bühne versammelt, um frenetisch zu feiern. Das kam auch bei Ronan an. Nun weiß man ja, dass er sich gerne mal überschwänglich bei seinen Gästen bedankt – so emotional, so gelöst und so dankbar habe ich Ronan allerdings schon lange nicht mehr erlebt. Vielleicht ist es ja tatsächlich ganz einfach so: Die besten VNV-Nation-Konzerte sieht man auf dem Blackfield? Die Vermutung liegt jedenfalls nahe.

Nach dem Konzert war ich eine Weile nicht in der Lage, mich auch nur irgendwohin zu bewegen. Jedenfalls so lange nicht, bis ich als eine der letzten Figuren vor der Bühne von der Security freundlich hinauskomplimentiert wurde. Es galt, einmal mehr einen Abstecher ins Partyzelt zu machen. Aber auch an diesem Abend hielt ich es nicht lange aus, sodass ich erneut ungewohnt früh die Maßnahmen beendete und Richtung Heimatlager aufbrach. Es wartete ja schließlich auch noch ein dritter Festivaltag auf mich.

Sonntag, 22. Juni 2014
Guten Morgen Festivalwelt, gerne hätte ich dich bereits um 11 Uhr zu Formalin beehrt. Wie immer wurde auch das nüscht. Vermutlich kann ich mir schon allein den Versuch künftig sparen – das klappt ja doch nicht. Fest stand aber: Auf Tyske Ludder konnte und wollte wir nicht verzichten, schließlich hatten die erst auf dem E-Tropolis Festival in Oberhausen einen im wahrsten Sinne des Wortes umwerfenden Eindruck bei mir hinterlassen. Mit Ach und Krach erreichte ich das Gelände gerade noch pünktlich. Schade eigentlich, dass Tyske Ludder stets einen so frühen Slot im Spielplan des Blackfields zugewiesen bekommen. An einem Sonntagmittag, so wie dieses Mal, ist ein großer Teil der Besucher noch nicht so richtig wach, um das gesellschaftskritische Electro-Geballer Tyske Ludders gebührend zu feiern. Das galt für mich auch. Tyske Ludder ließen sich davon jedoch nicht abschrecken und rockten das Geschehen mit 100% Vollgas. Spätestens zu Panzer dürfte aber jeder wach geworden sein. Grundsätzlich gilt: Wer auf musikalisch begleitete Körperertüchtigung steht, ist mit Tyske Ludder stets gut bedient.

Weiter ging es mit Heldmaschine. Es handelt sich hierbei um die Rammstein-Tribute-Band Völkerball, die irgendwann im Jahre 2011 für sich beschlossen hatte, nicht mehr nur die Songs aus der Feder Till Lindemanns nachzuträllern, sondern mit eigenem Material an den Start zu gehen. Herausgekommen ist dabei das Projekt Heldmaschine. Es überrascht wohl niemanden, dass sich die Heldmaschine musikalisch sehr an Rammstein orientiert. Gerolltem Rrrrrrr und ähnlicher Gestik inklusive. Daher fühlte sich das Konzert zunächst auch mehr wie eine weitere Rammstein-Tribute-Show an. Spätestens aber in dem Moment, in dem Sänger René Anlauff beim Stück Doktor einen weißen Arztkittel überstreifte, von der Bühne herab sprang, den Pressegraben hinter sich ließ und singend eine Runde durch die Menge vor der Bühne drehte, werden Heldmaschine nicht nur mich abgeholt haben. Coole Einlage! Da hatten vor allem die anwesenden Fotografen gut zu tun, dem Geschehen zu folgen. Als die Heldmaschine ihre Show mit dem neuen Stück Propaganda beendete, machte sich glatt ein Gefühl von »Schade, dass es vorbei ist« breit. Doch, doch – das war schon cool.

Als Nächstes stand Haujobb auf dem Spielplan. Vorab eine der Bands, auf die ich mich am meisten freute. Die ausgefeilten Electro-Sounds aus dem Hause Haujobb suchen ihresgleichen. Noch dazu ist die Leipziger Band von Daniel Myer und Dejan Samardzic durchaus in der Lage, ordentlich Power zu transportieren. Rückblickend war es aber vielleicht doch nicht so die beste Idee, eine Band wie Haujobb zwischen den Rockgewittern von Heldmaschine und Megaherz zu platzieren. Der Sound ist ja doch eher speziell und so wollte trotz cooler Songs wie Let's Drop Bombs oder Renegades Of Noise der Funken nicht so richtig überspringen. Die Resonanz vor der Bühne war leider eher verhalten. Erst mit dem abschließenden Dead Market kam nochmals etwas Bewegung ins Geschehen. Schade, ich hätte mir für diese coole Band echt etwas anderes gewünscht.

Dafür hatten Megaherz anschließend leichtes Spiel. Als Sänger Lex die Bühne betrat, auffällig geschminkt wie ein Psycho-Clown, war die Menge noch immer gut angeheizt von der Heldmaschine. Mit Songs wie Mann im Mond war dann auch ganz schnell wieder Stimmung angesagt. Bei Klassikern wie Heuchler oder Miststück erst recht. Einzig: Irgendwann dürfte es auch der letzte begriffen haben, dass ein neues Megaherz-Album im Anmarsch ist. Gefühlt jede Pause zwischen den Songs nutzte Sänger Lex, um darauf hinzuweisen. Ging mir irgendwann ein bisschen auf den Saque, ehrlich gesagt. Aber wirklich nur ein bisschen. Das nervöse Zucken an den Augen ist normal, das habe ich immer.

Nach Megaherz wurde es einmal mehr Zeit für hochwertige elektronische Musik: Die Grande Dame der elektronischen Musik, Anne Clark, stand auf dem Plan. Erstmals auf dem Blackfield in Begleitung von HerrB. Die Spielzeiten passten zu diesem Zeitpunkt vorn und hinten nicht mehr, daher überraschte es auch niemanden, dass Anne Clark früher anfing und demnach auch leider früher die Bühne verließ. Sei es, wie es sei. Ich bekam Stücke des gemeinsamen Werkes Lifewires zu hören, bei dem Anne Clark tatsächlich mal so etwas wie singt. Ansonsten ist die Dame ja für ihre Spoken-Word-Performance bekannt. Auch den ewigen Klassiker Sleeper In Metropolis durfte ich erleben, hier von HerrB mit deutlich mehr Bumms versehen. Ein wie immer superschönes Konzert, das einmal mehr viel zu früh vorbei war. Nun hieß es, fast anderthalb Stunden bis zum Auftritt der Fields Of The Nephilim zu überbrücken. Bier hatte sich hier als Mittel der Wahl zur Zeitüberbrückung inzwischen bestens bewährt.

Wie wir im Verlaufe des Konzertes feststellen mussten, steht und fällt die Stimmung eines Fields-Konzertes sehr mit dem Umgebungslicht. Will sagen: Wenn ein Carl McCoy, mitunter schon mal als Gott tituliert, auf der Bühne so wirkt, als würde ihn die untergehende Sonne der Blendung wegen tierisch nerven, dann ist das irgendwie der Stimmung nicht so zuträglich. Eventuell lag es aber auch daran, dass Teile der Ausrüstung sowie das Merchandise auf dem Weg zum Blackfield verloren gegangen sein sollen. Zumindest wurd dies gemunkelt. Seine Kollegen, die sich wie gewohnt mit Kippen und Bier bei Laune hielten, schien das weniger zu stören. Nachdem die Sonne allerdings so weit untergegangen war, dass die Bühne nicht mehr direkt von ihr beschienen wurde, ging es stimmungstechnisch gleich aufwärts. Bei Songs wie Moonchild oder Exit For The Lost konnte man etwas beobachten, was man bei Fields Of The Nephilim nur selten zu sehen bekommt: einen Carl McCoy, der dezent versucht, das Publikum zum Mitklatschen zu animieren. Und tatsächlich: Ein Lächeln zierte sogar auch mal sein Antlitz. Ich kann mich nicht erinnern, das schon mal gesehen zu haben, aber es wurde fotografisch als Beweis festgehalten.

So. Es fehlte nun nur noch ASP. Und auch hier gilt, ähnlich wie bei VNV Nation, die besten Konzerte dieser Band gibt es womöglich nur auf dem Blackfield. Als Asp, Lutz Demmler und der ganze Rest die Bühne betraten, war es zumindest schon mal angenehm dunkel. Gut für die folgenden Licht- und Feuerspielereien. Vor der Bühne herrschte ein guter Füllstand, Headliner eben, aber dennoch war es nicht mehr so voll wie am Abend zuvor. Klar, an einem Sonntagabend um halb 10 haben die ersten schon die Segel gestrichen und den Weg nach Hause angetreten. Nach einem Intro begannen ASP ihre musikalische Reise mit einem Medley, das aus Raserei, Sanctus Benedictus und Wer sonst? bestand. Eine ganz hervorragende Idee, um das anwesende Publikum gleich richtig anzuheizen. Selbstverständlich ließ es Asp sich nicht nehmen, die Leute erneut mit dem inzwischen nervtötenden Heeeeeeeeeeeeeyyoooooooooooooo-Gesabber auf den Geist zu gehen. Anfangs war die Resonanz entsprechend verhalten. Nach einer Ansage seitens Asps sowie dem Hinweis auf 15 Jahre Bandbestehen, die hier gefeiert werden wollten, lief das aber. Sehr zu meinem Leidwesen. Lieber Asp, fünfzehn Jahre ASP sind eine ganz prima Gelegenheit, sich eine neue Masche einfallen zu lassen, um das Publikum zur Interaktion zu bewegen, gelle? Schöne Aktionen hingegen waren das in die Menge werfen diverser T-Shirts zur Einstimmung auf Ich bin ein wahrer Satan sowie Asps politischer Kommentar zur Fußball-WM. Bekanntlich sind sportliche Großereignisse wie diese ein beliebtes Mittel von Regierungen, weitgehend unbemerkt von der öffentlichen Aufmerksamkeit diverse Schweinereien durchzuwinken. So fand Asp deutliche Worte gegen das Fracking. Wir finden: gute Aktion von Asp, da viele brisante Dinge den öffentlichen Radar unterfliegen und man auf manche Dinge nicht oft genug hinweisen kann. Mit dem abschließenden Ich will brennen, die obligatorischen Feuerfontänen inklusive, neigte sich das Blackfield Festival einem mehr als würdigen Abschluss entgegen. Es überrascht mich jedes Mal, wie schnell drei Tage Festival doch vergehen. Drei rundherum tolle Tage wie diese kommen stets einem Fingerschnippen gleich. Was bleibt, sind zwei Erkenntnisse: Auch Blackfield Festival Nummer sieben war eine schöne Veranstaltung. Und: In der Zeit vom 12. bis 14. Juni 2015 wird es weitergehen.

Abschließende Worte
Auch in diesem Jahr waren wir grundsätzlich mit dem Ablauf und der Organisation des Blackfield Festivals sehr zufrieden. Dennoch müssen wir auch in diesem Jahr wieder einen großen Kritikpunkt anbringen, der mitunter für reichlich Unmut unter den Besuchern sorgte. Die Toilettensituation. Wie schon zuvor waren zwar ausreichend Dixies vorhanden, befestigte sanitäre Anlagen (in Form von Toilettenwagen) jedoch schon wieder Mangelware. Das sorgte für lange Schlangen vor den Damenklos, was immer wieder dazu führte, dass die Damen sich mit in dem Wagen der Herren anstellten. Liebe Veranstalter: Platz ist doch genug vorhanden, warum also nicht noch ein paar Wagen mehr aufstellen? Schon klar, dass das mit Kosten verbunden ist. Wir sind uns aber sehr sicher, dass im Zweifelsfall niemand ein Problem damit hätte, einen Obolus zu entrichten, wenn dafür saubere Klos mit fließend Wasser und ausreichend Seife zum Händewaschen vorhanden sind. Wir würden uns wünschen, dass dies im nächsten Jahr endlich verbessert wird.
Des Weiteren: Den Vorverkauf des Parkplatzes für normale PKW empfanden wir auch als eher unglückliche Lösung. Wir sind diverse Male über den Parkplatz geschlendert und stets war dieser nicht voll belegt. Gut, es mag sein, dass sich Gäste, die nur wegen dieser oder jener Band angereist waren und das Gelände anschließend wieder verlassen hatten, einen Parkplatz gesichert haben, da es ringsherum parkplatztechnisch eher mau aussieht. Dennoch – so wirklich belegt haben wir den Parkplatz nicht gesehen. Da ist es schade, dass man nicht spontan vor Ort noch ein Parkticket erwerben konnte. Das first-come, first-served-Prinzip empfanden wir in den Jahren zuvor als sinnvoller. Dies ist nur unser Empfinden, die Sache mit dem Toilettenmangel jedoch sehen nicht nur wir so kritisch.
Davon abgesehen muss auch in diesem Jahr festgehalten werden: Beim siebten Mal hat das Blackfield nichts von seiner tollen, weil entspannten und familiären Atmosphäre eingebüßt. Die Entscheidung, auch dieses Mal nur mit einer Bühne zu arbeiten, war eine richtige. Insgesamt drei Tage Programm sind so in Ordnung. Das Blackfield bezieht einen Teil seines Reizes in unseren Augen eben daraus, dass man sich nicht zwischen mehreren Bühnen entscheiden muss, sondern, wie auch wir, ganz gechillt auf der Tribüne herumgammeln kann und Bierchen zischend eine Band nach der anderen geboten bekommt. So entdeckt man immer wieder etwas Neues, das man sonst womöglich zugunsten einer anderen Band, die man eh schon x-mal gesehen hat, hätte sausen lassen. Auch wenn das natürlich unmöglich zu beeinflussen ist: Das Festivalempfinden steht und fällt auch immer ein bisschen mit dem Wetter. Da jedoch meinte es Petrus gut mit den Besuchern: nicht zu warm, nicht zu kalt und im Gegensatz zu anderen Jahren erfreulich wenig Regen.
Lange Rede, kurzer Sinn: Auch das siebte Blackfield war – man muss sagen: wie immer – ein gelungenes Fest, das bereits nach Abpfiff schon etwas die Sehnsucht nach dem nächsten Jahr weckte. Wir freuen uns jetzt schon. Bis zum nächsten Jahr auf Schalke.
