Zurück zur Zugänglichkeit: Coventants Leaving Babylon
© Roman Jasiek

Zurück zur Zugänglichkeit: Coventants Leaving Babylon

Es ist ja nun mal so: Mit Last Dance haben Covenant einen Knaller gezündet, den so mancher nach dem düsteren und schwerfälligen letzten Album Modern Ruin wohl nicht mehr erwartet hätte. Der Ausstieg Daniel Myers und die Rückkehr Joakim Montelius' als Studiomusiker sowie die Neuzugänge Daniel Jonasson und Andreas Catjar verschafften der Band eine in den Augen (öh, oder besser: Ohren) vieler Fans dringend benötigte Frischzellenkur. Während man vielerorts noch mit Infohäppchen wie Trackliste und Coverabbildungen um sich wirft, um Euch auf das kommende Album einzustimmen, habe ich es mir in der Zwischenzeit schon einmal angehört. Wem Last Dance Appetit auf Leaving Babylon gemacht hat, dem wird das Ergebnis ab Anfang September schmecken. Ganz sicher!

Es gibt so ein paar Fragen, die man sich einmal stellen sollte. Denn mal ehrlich: Hören wir einander eigentlich noch wirklich zu? So richtig und aufmerksam? Und haben wir selbst überhaupt noch etwas zu sagen? Oder babbeln wir eigentlich nur noch heiße Luft in die Welt, inhaltsleer, ohne Bezug auf vorhergehende Aussagen, dafür aber mit einem Smartphone in den Griffeln, mit dem wir weiteres Gesülze in die Welt hinausposaunen? Wird dieser allgegenwärtige Informations- und Kommunikationsoverkill nicht so langsam aber sicher zu einem permanenten Rauschen, in dem die wirklich wichtigen Dinge untergehen? Okay, abgesehen von der NSA, Prism und was da noch alles aufploppen mag, die kriegen schließlich alles mit.

Aber unter uns Normalsterblichen: Bauen wir uns nicht so langsam selbst einen Turm zu Babel, bei dem die Bausteine, die zu erwartende (oder befürchtende?) eine Sprache aus Chatsprache, Jugendslang, ein- und ausgewanderten Wörtern, erfundenem Managersprech, „Denglisch“, den sowieso vielfältigen Sprachen dieses Planeten und so weiter besteht? War Wissen nicht schon immer Macht und wurde dies jedoch nicht immer schon in nur homöopathischen Dosierungen unters Volk gebracht? Vor allem dann, wenn dieses vor sich hin babbelte, wie ihm der Schnabel gewachsen war? Zumindest so lange, bis nicht einer die Eier in der Hose hatte, sich gegen „bewährte“ Systeme aufzulehnen? Ist die fortschreitende Vernetzung unserer modernen Gesellschaft, mit all der Macht, die sie wenigen über viele verleiht, vielleicht sogar die Hybris für alle? Vielleicht wird es Zeit, Babylon zu verlassen. Willkommen in der inhaltlichen Welt von Covenants Leaving Babylon.

Dass Covenant wieder ein rein schwedisches Projekt geworden sind, hatte ich ja schon mehrfach an anderer Stelle erwähnt. Jedem, der sich mit Covenant über einen längeren Zeitraum beschäftigt hat, wird aufgefallen sein, dass sie zur Speerspitze der Soundtüftler im Elektrolager gehören. Die sich manches Mal allerdings auch in ihrem „Spieltrieb“ verzettelt haben. Es sei Euch an dieser Stelle gesagt: Neben den inhaltlich reizvollen Fragen, mit denen sich Covenant hier auf gewohnt vieldeutige Weise beschäftigen, ist es vor allem der Sound, der das Prädikat „Wucht in Tüten“ verdient. Nicht, dass seitdem sonderlich viele Alben erschienen wären, dennoch ist Leaving Babylon wohl das rundeste Album der Schweden seit Northern Light. Es lässt sich am Stück hören, ohne dass die Skip-Taste bemüht werden müsste. Und das wieder und wieder und wieder und wieder und wieder …

Habt Ihr noch ein bisschen Zeit? Ja? Prima, dann gucken wir uns die Tracks doch mal näher an.

Leaving Babylon: Das Titelstück. Oder besser: der erste von zwei Teilen. Man kann nicht sagen, dass es sonderlich melodisch ist. Dafür aber rhythmisch, treibend und eher minimalistisch. Besonderes Augenmerk sollte man neben den stakkato-artigen Drums, die immer wieder eingestreut werden und ungefähr die gleiche Wärme verstreuen wie der Terminator-2-Soundtrack eines Brad Fidels, auch den Sprachsamples widmen. Wenn da mal nicht Bahnsteigansagen Berliner Verkehrsbetriebe zu Hilfe genommen wurden. Ein hübsches Beispiel für das Info-Gesabbel übrigens. Hört das überhaupt noch einer? Dazu Eskils Stimme, die uns in monotonem Singsang erklärt, dass wir Babylon verlassen.

Prime Movers: Eine typische Covenant-Tanzflächennummer, die mit stampfenden, technoiden Beats für Zuckungen im Bewegungsapparat sorgen dürfte. Stampft wie blöde und die spärlichen Melodieelemente lassen mich daran denken, ein Sägeblatt als Streichinstrument verwendet zu haben. Ziemlich fetzige Nummer, die Erinnerung an frühere Tage aufkommen lässt.

For Our Time: Ziemlich entspannter Groove hier, die dumpfen Beats hätte man auch irgendwo im (Deep-)House-Bereich vermuten können. Die extrem flächigen Synthies im Hintergrund wiederum lassen mich an einen Michael Woods denken, der mich über 10 Minuten lang in seine Version des Cafe Del Mar einlädt. Eskil bekommt hier endlich mal einen größeren Gesangspart spendiert, zwischendurch verlieren sich die Schweden in den geliebten Klangtüfteleien, die das Gehörte nicht gänzlich zu einem Chill-Out-Song verkommen lassen.

Thy Kingdom Come: Den „Oha-Effekt“ bekommt Ihr direkt zu Beginn geliefert, wenn das Cembalo ertönt, die stampfenden Beats einsetzen und sich hintergründige Choreffekte einschleichen. Einen derart viktorianischen Sound hätte ich eher bei Emilie Autumn erwartet. Eines der vielen Beispiele, warum Covenant eben doch zu den führenden Klangbastlern gezählt werden. Ich seh’ das Lied schon in die Clubs einziehen.

I Walk Slow: Huch? Ein Anflug von Gitarre hier? Falls Ihr der Meinung seid, Gitarren hätten im Sound Covenants nichts zu suchen – keine Panik. Die paar Akkorde in diesem Song sind bestens zu verkraften und werden durch das hintergründige Fiepen aufgefangen. Und dann ist da ja noch Eskil, der singt: I... I äh walk slow. Das verleiht der Sache so einen schnuckeligen Improvisationscharakter. Genauso wie der vermeintliche „Krach“, den sie dem Song im Mittelteil spendieren, um Euch wieder die Augen zu öffnen. Der wohl experimentellste Song dieses Albums und keine leichte Kost.

Ignorance & Bliss: Dem gegenüber steht die fetzigste FuturePop-Hymne, die Covenant seit langer, laaaaaaaanger Zeit gemacht haben. Mehr muss man dazu nicht sagen. Mit Sicherheit einer der Songs dieses Albums, das zu einem Immergrün in Clubs und auf Konzerten werden wird. Mächtig!

Last Dance: Dazu habe ich mich im Review zur Single ja schon in aller Ausführlichkeit ausgelassen. Im Kontext dieses Albums, vor allem aufgrund seines thematischen Hintergrundes, bekommt Last Dance eine ganz neue Tiefe. The floor collapses as we dance, we are falling apart, und so weiter, Ihr wisst schon. Und davon abgesehen ist es immer noch eine extrem geile Nummer, die ihre Live-Tauglichkeit gerade erst wieder in Köln während des Amphi Festivals unter Beweis gestellt hat.

Auto-Circulation: Hat etwas Ähnlichkeit mit dem Eröffnungsstück, entlässt den Hörer zwischendrin mittels sphärischer Klanglandschaften aber auf eine Reise in die eigene Gedankenwelt, die in den treibenderen, dem gegenüberstehenden Passagen wie eine Bahnfahrt dazwischen anmutet.

Not To Be Here: Dass Covenant auch große Balladen können, die vermutlich alle Zeit überdauern, auch wenn unser selbst geschaffener Turm längst schon zu Staub zerfallen ist, haben sie oft genug bewiesen. Hiermit demonstrieren sie ihr Talent auf diesem Gebiet einmal mehr. Wenn Euch dieser Song nicht das Herz erwärmt, dann weiß ich auch nicht. Auch wenn ich mir sicher bin, die Melodie schon einmal irgendwo gehört zu haben.

Leaving Babylon II: Der „Rausschmeißer“, quasi. Ein knapp zehnminütiger, rein instrumentaler und ganz schön minimalistischer Aufstieg auf den Turm. Blöd nur, dass sich die Spitze mit jeder erklommenen Stufe um eine weitere erhöht. Das Ende also ist demnach gar nicht wirklich erreichbar. Werden wir Babylon jemals verlassen können?

So, nu aber genug der vielen Worte. Wenn ich das vorher Geschriebene noch einmal eben zusammenfassen darf: eine extrem coole Scheibe ist das geworden. Geht also los und kauft sie, wenn sie ab dem 6. September im Handel erhältlich ist. Danke sehr!

Die Schweden sind mit ihrem aktuellen Album wieder deutlich zugänglicher, mitunter beinahe auch eine Spur poppiger geworden, als es zuletzt mit Modern Ruin der Fall war. Leaving Babylon ist für mich so etwas wie der direkte Nachfolger von Northern Light, der aufgrund enthaltener Spurenelemente die Erfahrungen von Skyshaper und den besagten Ausflug mit Daniel Myer jedoch nicht verleugnet. Es beinhaltet alles, was man von einem guten Covenant-Album erwarten kann: tanzbare, eingängige Elektro-Hymnen, verspielte Arrangements und hie und da eine Prise Melancholie. Tatsächlich verfügt Leaving Babylon über so viel pfiffigen Schmiss, dass es sich ganz locker einen Platz in meinen Jahrescharts gesichert hat. Ein Volltreffer, der in keiner gut sortierten Plattensammlung fehlen sollte!

© Dependent Records

Roman Jasiek

Hi, ich bin Roman! Ich bin ein Kind der 80er und schreibe seit Ende der 1990er-Jahre Dinge ins Internetz. Mein Herz schlägt für Musik, Comics, Collectibles, Essen, Reisen, Wandern und meine Lieblingsmenschen. Ich lebe und arbeite in Gardelegen.