Leute, wir müssen uns mal über Sarah Lesch unterhalten. Die in Leipzig lebende und arbeitende Liedermacherin gehört seit mehr als 10 Jahren, wie (nicht nur) ich finde, zu den wichtigsten, und ja, auch schönsten Stimmen der deutschsprachigen Musiklandschaft. Schon die letzten beiden Alben, Triggerwarnung (2021) und Gute Nachrichten (2024), wollte ich zum Anlass nehmen, Euch das Tun der Künstlerin näherzubringen.
War Triggerwarnung noch ein Album, das sich besonders Männer, gerade nach dem Fall Collien Fernandes, ganz aufmerksam anhören sollten, so war Gute Nachrichten eine in Teilen trotzig-rotzige Gesamtbetrachtung all der Dinge, die in unserer Welt und Gesellschaft komplett neben der Spur verlaufen. Von Kapitalismuskritik bis zum Erstarken des Faschismus, von Feminismus bis zum Eintreten für Gleichberechtigung für queere Personen – es gibt viele Themen, die Sarah Lesch in knackige, pointierte Songs steckt. Und die aufgrund ihrer oft eher ruhigen Liedermachernatur mehr wirken als es krawallige Songs je könnten.

Weil ich es aber aus unbekannten Gründen weder 2021 noch 2024 auf die Kette bekommen habe, mit Euch über Sarahs Arbeit zu reden, machen wir das jetzt. Unser Thema ist heute also Poesie & Widerstand, Sarahs neues Album, das am 17. April 2026 in die Welt entlassen wird. Es ist für diese, das möchte ich vorab schon in den Raum stellen, ein Glücksfall.
Im direkten Vergleich zum Vorgänger hat Sarah Lesch auf Poesie & Widerstand wieder ein paar Gänge zurückgeschaltet. Nicht nur, weil die Songs hier wieder mehr akustischer, liedermacheriger aus den Boxen tönen, sondern auch, weil sie hier nicht den ganz großen Rundumschlag wagt. Und doch sollte man nicht den Fehler machen, zu vermuten, es würde inhaltsleeres Gesäusel serviert werden. Sarah eröffnet das Album mit dem von einer Akustikgitarre getragenen Plädoyer. Ein Plädoyer für den Widerstand. Widerstand gegen die Rattenfänger, die mit falschen Versprechungen und immer radikaleren Forderungen unsere Gesellschaft vergiften. Es gehört nicht viel dazu, zu verstehen, gegen welche Partei/Strömung hier Widerstand geleistet werden soll. Stabil bleiben, das ist die Losung. Resignation, das ist keine Lösung.

Als Akustikpop mit Anspruch würde ich beispielsweise auch Dalai Lama bezeichnen. Sehr eingängig, sehr radiotauglich, würde ich denken, und doch durchzogen von einer bittersüßen Melancholie, ein Tanz zwischen dystopischen Stimmungen und dem Aufrechterhalten der Hoffnung. Irgendwie ist diese Nummer somit ebenfalls eine Art Plädoyer. Nur, dass in diesem Fall die Botschaft lautet, dass es gar nicht so schlimm ist, wenn man angesichts des Zustands der Welt keine Lösung parat hat. Keine Idee, wohin das alles noch führen soll. »Ich hab die Lösung geträumt und den Traum wieder vergessen / Ich erinner mich nich aber irgendwie waren wir mitten im Krieg / und da war trotzdem- Liebe und Musik«, singt Sarah hier. Es kann sehr wohl immer und überall Gründe geben, das Leben zu genießen. Ein zweites werden die allermeisten von uns schließlich kaum bekommen, schätze ich, und zurück auf Los kommen ebenfalls die wenigsten.
Ein weiteres Beispiel möchte ich noch bringen: Anna-Lisa. Eine fast schon satirische Abrechnung mit dem ganzen achtsamen Selbstoptimierungsmarotten, Pseudo-Progressivität und Beziehungsillusionen. Viele Dinge unserer modernen Gesellschaft sind nur neue Masken, die man sich überstreift. Auf der anderen Seite der Medaille steht eine Frau, die auf der Suche nach etwas Echtem sich scheinbar allem und jedem anbiedert. Zunächst dem erfolgreichen Yuppie, der sich im Prinzip einen Scheiß für ihre bzw. für weibliche Themen interessiert, später dann in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung, in der die neue Lebensabschnittsgefährtin letztlich auch nur die Rolle des Mannes, Typ Proll, übernimmt. Bier, Fußball, Wacken, aber immerhin: Vulva-Kekse zum Einzug. Wie hoch die Zahl der Frauen bzw. weiblich gelesenen Personen ist, die in eine solche Falle tappen und das immer für das große Leben halten, vermag ich nicht zu beurteilen. Fürchte aber, es ist keine kleine Zahl.
Im Prinzip macht Sarah Lesch auch auf Album Nummer 7 das, was sie in den Jahren seit Erscheinen ihres Debüts (Lieder aus der schmutzigen Küche, 2012) immer gemacht hat. Ehrliche, authentische, vor allem aber handgemachte Musik. Mit einer Botschaft und vor allem mit einer Haltung, die ich mir von anderen Kunstschaffenden so manches Mal schon gewünscht hätte. In Zeiten, in denen die Streamingdienste mit KI-Müll geflutet werden oder Radiosender in den Nachtstunden, angeblich aus Kostengründen, auch nur KI-Rotze dudeln, ist dies Wonne und Wohltat gleichermaßen! Musikalisch eher zurückgenommen, dennoch großartig und auf den Punkt produziert. Wieder eines dieser kleinen, feinen Alben, bei denen kein Ton zu viel oder zu wenig ist. Und einmal mehr ein famoses Zeugnis davon, was für eine talentierte und genaue Beobachterin des Zeitgeschehens Sarah Lesch doch ist. Möglich, dass so manche Konsumenten auch wegen dieses Albums rote Ohren bekommen.

Abschließend: Wenn man das Gesamtbild betrachtet, entsteht oftmals der Eindruck: alles scheiße! Macht man sich aber die Mühe und zoomt näher heran, vor allem und ganz besonders im eigenen Leben, wird man gewiss auf viele Dinge aufmerksam, die eben genau das nicht sind. Sind sondern tatsächlich und wahrhaftig gut. Und dass darauf aufbauend die Gründe, irgendwelchen Rattenfängern nachzulaufen oder permanent auf alles und jeden zu schimpfen bzw. mit Neid und Missgunst um sich zu werfen, immer weniger werden. Dieses Gefühl, diesen Optimismus, diesen Appell, uns nicht entzweien zu lassen, vermittelt Sarah Lesch ganz hervorragend auf diesem Album. Somit ist Poesie & Widerstand, neben der Tatsache, ein kleines, feines Liedermacherinnen-Album zu sein, auch das: musikalischer Widerstand gegen den Trübsinn, der die Welt scheinbar sehr fest im Griff hat.
