Wir könnten uns jetzt über Genetik unterhalten. Prinzipiell eine spannende Sache: Erbsen kreuzen, anstatt sie immer nur zu zählen, und gucken, welche Merkmale sich aufgrund ihrer Dominanz durchsetzen. Uns soll es hier und heute aber nicht um biologische Abhandlungen gehen, auch nicht um Erbsen, sondern um Musik. Genauer: um das aktuelle Front-Line-Assembly-Album Echogenetic, bei dem sich Bill Leeb und der Rest der Truppe als Klanggenetiker betätigen. Sie kreuzen ihren Electro-Sound mit ganz viel Dubstep und gucken mal, welches Merkmal dominanter ist. Die Antwort kann ich Euch jetzt schon geben: Dubstep. Ob sich das allerdings aller Vererbungslehre zum Trotze durchsetzen wird?
Bereits das letzte Album von Front Line Assembly, der Soundtrack zum gleichnamigen Spiel AirMech, machte irgendwie die Marschrichtung für das aktuelle Album klar: mehr Electro, weniger Gitarren. Eben so, wie es von Bill Leeb seit geraumer Zeit versprochen wurde. Konsequenterweise wurden die Gitarren dieses Mal komplett ignoriert, Echogenetic ist ein rein elektronisches Werk geworden. Eines, das wie AirMech keine Schmerzen damit hat, in verschiedensten Spielrichtungen elektronischer Musik zu wildern. Prinzipiell eine ganz famose Sache, Abwechslung hat schließlich noch nie geschadet.
Und so wird der Sound auf dem vorliegenden Werk von einem Sound dominiert, der in letzter Zeit immer wieder und immer öfter den Weg in das Schaffen einer Band findet, die damit für gewöhnlich nüscht bis gar nüscht am Hut hat. Von Muse bis Blutengel: Dubstep. Bzw. dessen schnelleres Brüderchen Drum&Bass. Überspitzt ausgedrückt geht momentan auf diesem Planeten nichts, ohne nicht wenigstens mal kurz das eigentümliche Wobbelwobbelwobwobwob inklusive der oftmals zugehörigen Glitches einzubauen. Selbst bei Mesh, an sich meilenweit von Dubstep entfernt, kam man auf dem ansonsten sensationellen letzten Album Automation Baby nicht komplett ohne dieses Gemache aus.
Und nun also auch Front Line Assembly. Den Herren zugutehalten kann man zunächst mal, dass sie sich a) dank AirMech nicht auf gänzlich neuem Terrain bewegen und b) eh gerne elektronisch unterwegs sind. Und c.) durch die konsequente Verwendung dieses Sounds, gepaart mit dem eigenen Düsterelektro, auf das ganze Album verteilt, bekommt diese düstere, klanglich extrem mächtige Allianz eine Dimension und Tiefe, die anderen „Wir machen mal was mit Dubstep“-Steigbügelhaltern komplett abgeht. Ich habe keine Ahnung, ob da verkaufstechnische Überlegungen dahintersteckten, oder ob Bill Leeb und Co. zu lange in der Pirate Station herumhingen und da ihre Liebe fürs Gewobbel entdeckten, aber: Dubstep verkauft sich derzeit immer. Das hat man bei Korn gesehen, die kurzerhand mit Skrillex ins musikalische Bett gestiegen sind. Und man sieht es auch an Echogenetic, dem ersten Album von FLA überhaupt, das aus dem Stand den Sprung in die Media-Control-Charts geschafft hat. Und man sieht (oder besser: hört) es bei Fantastillionen anderer Bands, die irgendwie auch alle ein Stückchen vom Dubstep-Kuchen abhaben wollen.
Wanderer, kommst du dereinst zum aktuellen FLA-Album und magst Dubstep nicht: Du wirst wenig Freude an dieser Scheibe haben. Kannst du damit aber leben, findest das vielleicht sogar gut, dann bekommst du hier ein fettes Album serviert, dessen Bässe so tief in die Magengrube ballern, dass es eine Freude ist. Und selbst wenn du weder noch bist, wirst du zugeben müssen, dass die Synthese aus klassischem Düsterelektro und Dubstep selten so überzeugend dargereicht wurde. Nimm zum Beispiel Leveled, das alle gerne genommenen Elemente des Dubstep beinhaltet – aber eben auch die von Front Line Assembly gewohnten Zutaten. Verzerrte Vocals, fragile Synthiespielereien im Mittelteil und die allgegenwärtige, stets nicht ganz bequeme düstere Grundstimmung. Oder Killing Grounds. Im Prinzip das Ganze auf die Spitze getrieben mit dem Potenzial, die Tanzflächen zu erobern. Dass es auch ruhiger und gemächlicher zugehen kann, zeigen Blood oder Exo. Die geistigen Erben von Downfall des coolen Improvised.Electronic.Device-Albums.
Das ließe sich so für alle elf enthaltenen Tracks fortsetzen. Machen wir eine lange Geschichte kurz: FLA kreuzen hier ihre klassische, elektronische Seite, lassen manchmal sogar einen Hauch FuturePop durchklingen (Exhale) mit dem Gewobbel unserer Tage – und gucken mal, welches das dominantere Element ist, das sich letztlich durchsetzen wird. Entscheidender Faktor seid dabei Ihr, die Käufer. In die ehrfürchtigen Lobgesänge meiner schreibenden Kollegen möchte ich an dieser Stelle nicht einsteigen, dazu ist die Verwendung von Dubstep einfach nicht innovativ genug, um es als Heilsbringer der darbenden Electro-Szene zu feiern. Ein gutes Album ist es, nicht mehr, nicht weniger. Ob die Gitarre nicht doch die bessere Wahl gewesen wäre, werden wir leider nicht mehr erfahren.
Ganz ehrlich, Leute: Diese Scheibe liegt mir schon seit etwa 1812 vor. Das Album ist inzwischen einige Zeit erhältlich, dennoch komme ich erst jetzt dazu, eine Review dazu zu veröffentlichen. Warum? Ich habe sehr, sehr lange gebraucht, um mich in Echogenetic einzuhören und NICHT nach den ersten Dubstepmomenten, an denen es hier ja nun wirklich nicht mangelt, schreiend das Weite zu suchen. Nicht falsch verstehen, ich habe nichts gegen Dubstep oder Drum&Bass.
Ich habe allerdings ganz deutlich etwas gegen die inflationäre Verwendung eines Sounds, der mal etwas Besonderes war.
Wenn mir der Sinn nach Gewobbel steht, greife ich zu Chase & Status, Pendulum, John B. und wie sie alle heißen. Immerhin beweisen FLA hier, dass man sie auch zur Pirate Station nach Russland schicken könnte, um dort eine gute Figur zu machen. Tatsächlich bin ich inzwischen allen Gejammer zum Trotz so weit, dass ich Echogenetic als mächtiges Album akzeptiere, mein Liebling wird es aber ganz sicher nicht. Bitte keinen Dubstep mehr! So langsam ist es nicht mehr cool, damit den eigenen Sound zu verwässern. Ich hoffe inständig, dass dies nur eine Phase ist, ein Mittel zum Zweck von FLA, um ihre Vielseitigkeit und Wandlungsfähigkeit zu demonstrieren.
