Lehrjahre, so weiß es der Volksmund, sind keine Herrenjahre. Eine olle Binsenweisheit, wenn Ihr mich fragt, die sich aber immer und immer wieder zu bewahrheiten scheint. Lehrjahre, das ist auch der von Panini Comics vergebene Untertitel des zweiten von drei Spider-Man-Comics, die das Stuttgarter Verlagshaus als Fokustitel rund um den neuen Kinofilm mit dem beliebten Netzschwinger, Spider-Man: Brand New Day, an den Start gebracht hat. Ein bisschen Spidey-Action in Comicform geht bekanntlich immer; wenn sie aus der Feder des großartigen J. Michael Straczynski (Schöpfer zahlreicher großartiger Comicserien, u. a. Rising Stars, und natürlich der Sci-Fi-TV-Opera Babylon 5) und man zudem im Krankenhaus die Zeit herumkriegen muss, erst recht! Also lasst uns nachfolgend mal einen Blick riskieren.
Der Faktor Straczynski: Warum ich den Babylon-5-Schöpfer blind kaufe
Ich will ehrlich zu Euch sein: Der Name Straczynski ist für mich eigentlich schon Grund und Anlass genug, einen Comic blind zu kaufen, bei dem der Mann als Autor aufgeführt ist. Zu gut sind mir seine Arbeiten damals bei Rising Stars und Midnight Nation (oder aktueller: Captain America, ebenfalls bei Panini erschienen) in Erinnerung geblieben. Meines Erachtens beweist Straczynski sehr oft ein untrügliches Gespür und ein absolutes Verständnis für die Figuren, deren Schicksal er während seines Laufs quasi in seinen Händen hält. Und wisst Ihr was? Beim vorliegenden Spider-Man – Lehrjahre ist es nicht anders.
Worum geht’s? Wir sind zurück in einer Zeit, in der Peter Student an der Empire State University ist und seine Zeit zwischen den Vorlesungen damit verbringt, mit seinem Kumpel Harry Osborn abzuhängen. Ansonsten gilt es, das Liebesleben in den Griff zu kriegen, schließlich ist da auf der einen Seite Mary Jane Watson, auf der anderen allerdings Gwen Stacy. Und quasi nebenbei ist unser Freund Pete ja auch noch die freundliche Spinne aus der Nachbarschaft, die kraft ihrer Superkräfte dafür sorgt, dass das Böse in New York City regelmäßig einen Strich unter die finsteren Pläne gezogen bekommt.
Magischer Kosmos statt Telenovela: Wie schlägt sich die Story?
Damit das nicht zu sehr Telenovela-mäßig bleibt, betritt irgendwann eine mysteriöse Frau die Szene. Sie ballert zwei Mitarbeiter der Bibliothek in die nächste Daseinsebene und bemächtigt sich eines sehr alten und offenbar sehr ominösen Buches, das über wahrlich fantastische Kräfte verfügt. Zunächst hätte ich vermutet, es handele sich um das Darkhold (die Scarlet Witch ist ja bekanntlich großer Fan dieser ollen Kamelle), aber so einfach macht sich Meister Straczynski die Sache dann doch nicht. Hinter diesem Buch in unserer Geschichte hier stecken zwar auch phänomenale kosmische Kräfte, aber eben andere. Klar soweit? Und so hat Spider-Man ganz schnell wieder alle Netze voll zu tun. Und die mysteriöse Mörderin entwickelt unterwegs gar Gewissensbisse, als sie erkennt, was sie da von der Leine gelassen hat. Aber… zu spät?
Die Story liest sich flüssig, ist für mich schlüssig und lässt sich vor allem auch dann gut konsumieren, wenn man sonst mit dem Netzkopf bisher nicht allzu viele Berührungspunkte in Comicform gehabt hat. Ist es die größte Spider-Man-Story jemals? Auf gar keinen Fall! Ist das nötig? Auch hier: Auf gar keinen Fall! Straczynski hat genügend spannende und/oder interessante Kniffe in die Story eingebaut, um seine Leserschaft permanent bei Laune zu halten. Da muss es nicht das größte Fass sein, das hier aufgemacht wurde. Zumal sich hier einmal wieder zeigt, was ich eingangs schrieb: Er hat einfach ein Gespür für die Figuren, mit denen er betraut wird.
Das Artwork von Pere Pérez: Tolle Mimik mit leicht blassen Farben
Die Zeichnungen von Pere Pérez gehen für mich auch klar. Dynamisch genug, um die Action überzeugend herüberzubringen, aber gleichzeitig auch detailliert genug, um gerade auch die ruhigen Szenen authentisch wirken zu lassen. Bonuspunkte bekommt Pérez für die Mimik seiner Figuren. Abzüge, sofern ich unbedingt welche machen muss, allenfalls für die für meinen Geschmack etwas zu klassische Panelaufteilung. Und auch die Farben sind für mein Empfinden etwas zu flach und zu blass. Versteht das bitte aber als Gejammer auf hohem Niveau.
Wie ist dieser Comic nun also unterm Strich zu bewerten? Ist es ein Must-have oder eher ein Nice-to-have? Für mich als Straczynski-Fan ganz klar ersteres, aber ich muss das wohl ein bisschen differenzierter betrachten. Wer sich, wie ich, zu den Fans des Meisters zählt, nimmt diesen Comic mit. Wer sich für Spidey-Action begeistern kann, die nicht zwingend die größten Keulen schwingen muss, ebenfalls. Sammler und Komplettisten auch. Und auch, wenn ich in Summe zufrieden bin mit dem Ergebnis, so fehlt mir doch grundsätzlich etwas, das mich mit den Fingern schnippen und „Ja, das isses!“ rufen lässt. Also in Summe wohl doch eher ein Nice-to-have.
