Wir schreiben das Jahr 2004. Während im Mai zehn weitere Staaten der EU beitreten und George W. Bush im November zum amtierenden Präsidenten der US of A wiedergewählt wird, wird anderswo Facebook gegründet, Google Mail geht an den Start, Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs kommt ins Kino und wird daraufhin gleich mit 11 Oscars bedacht und die olympischen Sommerspiele kehren zu ihrem historischen Ursprungsort Griechenland zurück. Und überhaupt Griechenland: Unter Otto Rehhagel werden die Hellenen Fußball-Europameister. Alles gut dokumentierte, historische Fakten, an die sich viele von Euch gewiss noch erinnern.

2004 passierte aber noch etwas, das, ausgenommen von ein paar ausgewiesenen Freunden exquisiter, dunkelektronischer Musik, weitgehend unter dem Radar der breiten Öffentlichkeit stattfand: Die Tore zum Dreamweb wurden geöffnet. Im Sommer 2004 erschien mit Lost Alone das erste Album von mind.in.a.box, oder besser: Das erste Kapitel ihrer fortlaufenden, musikalischen Sci-Fi-Dystopie erblickte das Licht der Musikweltöffentlichkeit. Seitdem hat Stefan Poiss, der musikalische Kopf hinter dem Projekt, die Story zusammen mit verschiedenen Mitstreitern (Markus Hadwiger als Autor, inzwischen ist Joshua Kreger für die Ausgestaltung der im Booklet abgedruckten Handlung sowie der dazu passenden Songtexte verantwortlich) immer weitergesponnen. Es gab in der jüngeren Vergangenheit ein Album, das man im Filmbereich gewiss als Prequel bezeichnet hätte (Broken Legacies, 2017), sowie eine fulminante, in Teilen gar fuchtige Rückkehr (Black & White, 2023), die sehr auf Finale hin zu arbeiten schien. Und nun, gerade einmal drei Jahre später, dürfen alle, die sich für das Tun der Band und/oder exquisite, elektronische Musik interessieren, erneut ins Dreamweb abtauchen. Vorhang auf für Retaliation!

Das Dreamweb: Worum geht es in der Sci-Fi-Saga von mind.in.a.box?
Für alle, die jetzt erst einschalten: Bei dem Dreamweb handelt es sich der Erzählung nach um eine Art Netzwerk bzw. Bewusstseinskollektiv, das Wenigen als Mittel zum Zweck der Kontrolle Vieler dient. Wer hier an die Matrix denkt, liegt vermutlich nicht ganz falsch. Gefügig gehalten werden die Menschen mit einer Droge namens Prima-Psych. Das inzwischen 8. Kapitel der Sage um die Rebellen Black und Night und den Rest der Sleepwalkers, sowie deren Widersacher in Form der Agency und dem Funktionär White trägt den reißerischen Titel Retaliaton, was zu Deutsch in etwa so viel bedeutet wie Vergeltung, Gegenschlag. Wer aber übt Vergeltung aus? Sind es die Sleepwalkers in ihrem Kampf, sich von der Unterdrückung zu befreien? Oder ist es doch die Agency, die hier mit voller Wucht und Härte zurückschlägt, um dem elenden Widerstand ein für alle Mal den Garaus zu machen? Die Antwort steht nicht geschrieben im Wind, sondern wie üblich im Booklet und in den einmal mehr ausufernden Lyrics der insgesamt 13 Tracks dieses Albums.
Und damit möchte ich es inhaltlich auch gut sein lassen an dieser Stelle. Jedes Album von mind.in.a.box lebt sehr davon, dass man sich mit der gebotenen Aufmerksamkeit der Musik hingibt, diese und die Texte auf sich wirken lässt und für die Dauer von etwas mehr als einer Stunde in eine Sci-Fi-Welt entführen lässt, die es in der gefühlt unendlichen Musikwelt kein zweites Mal gibt. Wir leben im Zeitalter der KI und trotzdem ist mind.in.a.box in allen Belangen unerreicht. Ich glaube, ich hatte es in der Review zum letzten Album schon erwähnt, dass mind.in-a.box für mich nicht mehr nur der Name eines Musikprojekts ist, sondern quasi schon zum Synonym für ein ganz eigenes Genre geworden ist. Etwas, das im Sommer 2004 gekommen ist, um zu bleiben.

Der Sound von Retaliation: Überraschend sanfter Synthwave statt harter Kanthölzer
Wenn ich so zurückdenke an das letzte Album Black & White, dann habe ich einige Titel (Drowning in the Fire, Sometimes Never) als epische Kanthölzer in Erinnerung, die Stefan Poiss seiner Hörerschaft gleichermaßen mit Wonne wie auch Wucht vor den Latz geballert hatte. Es ist also vermutlich gar nicht so abwegig, anzunehmen, dass ein Album, das sich thematisch der Vergeltung verordnet, ähnliche Geschütze auffahren würde.
Weit gefehlt. Tatsächlich beginnt Retaliation überraschend sanft und behält auch über die komplette Spielzeit überraschend weitgehend einen weichen, wie so oft charmant retrohaften Synthwave-Charakter bei. Wenn ich über mind.in.box geschrieben habe – und das habe ich wirklich schon so einige Male in den vergangenen Jahren –, habe ich mir oft die Frage gestellt, ob Stefan Poiss mittlerweile eigentlich sämtliche denkbaren Wege ausprobiert hat, seine Stimme elektronisch zu verfremden. Eine Frage, die auch dieses Mal nicht abschließend geklärt werden kann. Denn neben der dunklen, roboterhaften Stimme gesellt sich oft auch eine helle, weiblich anmutende und wir hören quasi ein Duett, das keines ist. Bemerkenswert erlebbar beispielsweise in der mit 80er-Flair flirtenden Clubhymne We’ll Jump Together, eines der romantischen Lieder dieses Albums, das die Verbindung von Black und Night zementiert. Um meiner Verantwortung an dieser Stelle gerecht zu werden, warne ich hiermit ganz offiziell vor der Gefahr eines Ohrwurms. Ähnlich verhält es sich mit Little Miss Vicious.

Kalte System-Kritik und raffinierte Arrangements
Ziemlich krass auch das Stück Toys, bei dem einmal mehr eine neue Perspektive eingenommen wird. Scheinbar spricht hier das System selbst. Kalt, gefühllos, besitzergreifend und abschätzig, auch gegenüber den eigenen Soldaten („You're my little soldier men... You're my loyal property... You'll be so disposable“). Menschen als Verbrauchsgegenstände und Wegwerfware in einem anhaltenden Konflikt. Wo sehen wir das gerade seit 2022 in diesem Real Life, diesem sogenannten? Ach ja, richtig.
Wie üblich möchte ich nicht jeden Song dieses Albums im Detail auseinandernehmen. Denn, wie zuvor schon umrissen, leben die Alben von mind.in.a.box sehr davon, dass man das Dreamweb selbst entdeckt. Um noch mal eine Anspielung auf The Matrix zu bringen: Unglücklicherweise kann man nicht genau erklären, was das Dreamweb ist. Man muss es selbst erleben. Am besten mit geschlossenen Augen, während die Musik via Kopfhörer die Gehörgänge, das Hirn und den Verstand schmeichelt. Mehr Abwechslung, garniert mit raffiniertem Songwriting und cleveren Arrangements, lässt sich vermutlich nicht in ein Album elektronischer Machart unterbringen. Ob nun die bereits erwähnten Stücke, das latent an 90er-Jahre-Electro-Pop erinnernde The Return oder der balladenhafte Titelsong: Alles ist von höchster Güte, alles mit meisterhaftem Sachverstand und absoluter Leidenschaft und Hingabe erschaffen. Und als wäre all das noch nicht genug, so ließe sich Retaliation auch als Warnung verstehen. Eine Warnung davor, sich blind einem System unterzuordnen. Der Refrain „No one has immunity“ (Immunity) richtet sich gegen Mitläufertum, Propaganda und blinden Gehorsam gleichermaßen.

Retaliation ist auch dieses Mal wieder allerbeste Unterhaltung aus dem Hause mind.in.a.box. Abwechslungsreich, getrieben von der faszinierenden Story und dem wahrlich einzigartigen, über Jahre (Jahrzehnte gar) durchgezogenen Konzept. Stefan Poiss erklärte mir im Interview zum letzten Album, dass er beschlossen habe, sich von everything KI fernzuhalten. Auch bei diesem Album bin ich überzeugt, dass dies der Fall gewesen ist. Sicherlich, auch KI kann heute schon überzeugende Lieder generieren. Aber selbst bei bewusst künstlich gehaltener Musik wie hier, spürt man ganz deutlich eine Seele. Würde ich Punkte geben, Retaliation bekäme 10 von 10. Ich habe keine Ahnung, wohin die Reise von mind.in.a.box geht, hoffe aber, sie möge nie enden. Bis zum nächsten Kapitel haben Fans und Interessierte jedenfalls wieder viele neue, ganz großartige Songs, die ihresgleichen suchen. Für mich ist Retaliation abschließend ein ganz, ganz heißer Anwärter auf das Album des Jahres und ich wäre kaum überrascht, wenn der Blumentopf am Ende des Jahres einmal mehr an mind.in.a.box ginge. Chapeau, Herr Poiss!
