Neuer Monat, neuer Bloggerschnack! Für diejenigen, die hier das erste Mal einschalten, eine kurze Erklärung. Beim Bloggerschnack handelt es sich um eine Aktion, die im Forum der Bloghexen ins Leben gerufen wurde. Jeden Monat wird ein Thema bzw. eine Fragestellung in den Raum gestellt, und wer mag, beteiligt sich in Form eines passenden Blogartikels daran. Die Frage, die von Anja aufgemacht wurde, lautet: Was habe ich durch das Bloggen über mich gelernt?
Wieder eine sehr spannende Frage, der ich nachfolgend mal nachzugehen versuche.
Ich blogge seit 1998 oder 1999, den genauen Anfangstag hat die Zeit gefressen. Ist im Prinzip auch Wurscht. In der Zeit gab es sicherlich die ein oder andere Erkenntnis, auch wenn sie manches Mal erst in der Nachbetrachtung offenbar wurde.
Die offensichtlichen Dinge
Die offensichtlichen Dinge, die ich in dieser inzwischen schon sehr langen Reise gelernt habe:
Ich kann schreiben. Und ich kann manchmal so schreiben, dass ich Menschen damit abhole, vielleicht begeistere, bewege, berühre oder einfach nur unterhalte.
Es hat eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe, dass, wenn jeder Mensch quasi über die eine Kernkompetenz verfügt, dies meine ist. Vom Verstehen zum Akzeptieren hat es dann wieder noch eine Weile gedauert. Ich habe nämlich unterwegs auch gelernt, dass Selbstzweifel zu mir gehören, auch wenn das mit den Jahren besser wurde.
Heute kann ich sagen: Ich schreibe gerne. Und viel. Und lang. Gelernt habe ich auch, dass ich das sehr bewusst als Gegenentwurf zum derzeitigen Medienkonsum mache. In Zeiten, in denen gefühlt nur noch (Kurz-)Videos mit x-facher Wiedergabegeschwindigkeit konsumiert werden, will ich einen Gegenpol schaffen. Damit man mal kurz innehalten kann. Und ja, ich habe auch begriffen, dass ich lange, verschachtelte Sätze mag. Sorry! Aber Thomas Mann wäre gewiss begeistert gewesen.
Weiterhin habe ich gelernt, dass ich Websites, wie ich sie mir vorstelle, sehr wohl dementsprechend ins Netz stellen kann. Ohne, dass mir am Anfang irgendwer erklärt hätte, wie das geht. Ich habe mir alles selbst beigebracht. Learning: Ich kann, wenn ich will. So lautete allerdings auch schon meine Beurteilung auf dem Endjahreszeugnis in der 1. Klasse: Romans Leistungsbereitschaft ist stark interessenabhängig. Vielen Dank, Frau Hense, das war vermutlich auf den Punkt. Ich bin nicht sicher, ob ich diese Eigenschaft nicht auch meinem Kind vererbt habe.
Ich bin eine Schreibmaschine
Das klingt vielleicht seltsam, aber es ist so: Schreiben bzw. Bloggen ist die einzige Sache auf der Welt, für die ich nichts tun muss. Das passiert irgendwie von alleine. Oft genug habe ich das Gefühl, dass ich mich von außen beobachte, wie ich meine Texte auf die Tastatur hämmere. Es kostet mich genau null Mühe, niemals Überwindung oder Argumente im Austausch mit dem inneren Schweinehund. Tatsächlich habe ich gelernt, dass es mich entspannt, mir Freude bereitet und zu meinen liebsten Zeitvertreiben gehört.
Ein weiteres Learning ist, dass ich meine Themen selber finde(n kann). Und dass das, was in meinem Kopf ist, raus muss, wenn es reif ist. Es ist nicht zu beschreiben, daher nehmt das bitte ruhig so hin. Und noch etwas habe ich gelernt: Wenn ich einen Text angefangen habe, kann ich auch nicht aufhören, ehe er fertig ist. Unterbrechen und zu einem späteren Zeitpunkt fortsetzen, das funktioniert für mich nicht. Dann ist der Faden verloren, der Flow verschwunden und das, was ich erzählen wollte, irgendwo im Nirgendwo versackt. Es kommt dann auch nicht mehr zurück.
Festhalten an Werten und Überzeugungen
Vor allem hat mir die ganze Bloggerei aber auch aufgezeigt, dass ich Werte, Prinzipien und Haltungen habe, die mich wie in Stein gemeißelt ein Leben lang begleiten werden. Ich will das Fass an dieser Stelle nicht allzu weit aufmachen, daher nur ganz kurz: Wenn sich etwa ein Musiker aufgrund getätigter Äußerungen oder seines Verhaltens in die entgegengesetzte Richtung meines moralischen Kompasses bewegt, kann dieser Musiker nicht mehr Teil meiner Berichterstattung hier im Blog sein. Auch das habe ich gelernt: Die Trennung von Kunst und Künstler fällt mir schwer, vor allem wenn es bei Dingen ist, die mich eine ganze Weile so sehr im Inneren berührt haben, wie es bei der Musik der Fall ist. Oder war. Mittlerweile nimmt Musik keinen ganz so großen Platz in meinem Leben mehr ein. Die Gründe dafür sind vielfältig.
Ich habe in der Vergangenheit viele Blogs gestartet und bis auf diesen, den Ihr gerade lest, alle auch wieder eingestampft. In dem Zusammenhang zitiere ich aus einem Olli-Schulz-Song:
Die Party wurde abgesagt, die Story is' erzählt
Spuren eines Lebens, das eh keiner checkt
Und eigentlich wolltest du schon so lang weg
Irgendwas ist nicht mehr richtig hier
Das ging sogar schon mal so weit, dass ich dachte, die Bloggerei komplett an den Nagel hängen zu wollen. Was ich dann tatsächlich auch machte. Ungefähr drei Monate habe ich das ausgehalten. Danach bin ich mit einem Projekt, das ich Jahre zuvor eingestampft hatte, zurückgekommen. War dann irgendwann auch nicht mehr richtig, weil hier Ansprüche und zur Verfügung stehende Zeit nicht zu synchronisieren waren. Daraus folgte eine weitere Erkenntnis: Sichere oft und sichere viel! Viele Texte, die vor diesem Blog entstanden sind, hat ebenfalls die Zeit für immer gefressen. Weil ich kein Backup hatte. Ja, auch mit der Wayback Machine vom Internet Archive ließen sie sich nicht zurückholen.
Falls die Frage aufkommt: Jau, dieser Blog fühlte sich schon direkt zu Beginn vor rund einem Jahr richtiger an als die allermeisten zuvor. Gerade denke ich, der ist gekommen, um zu bleiben. Vermutlich habe ich ihn auch deshalb unsterblich gemacht. Damit etwas von mir Geschaffenes bleibt, wenn ich nicht mehr bin. Die Schreiberei, auch das ist ein Lernprozess gewesen, ist im Prinzip meine Art, meinem Leben eine Bedeutung zu geben.
Selbsttherapie
In dem Zusammenhang habe ich noch eine weitere, ganz wichtige Erkenntnis aus fast 30 Jahren Bloggerei gezogen: Schreiben bzw. Bloggen ist vielfach auch mein Innerstes nach außen gekehrt. Eine Form der Selbsttherapie sozusagen. Jeder Psychotherapeut wird Euch vermutlich erklären, dass man aufschreiben soll, was einen bewegt. Den Kopf von Ballast befreien, damit man Kapazitäten für andere Dinge hat. Deswegen gibt es hier nie „nur eine Comic-Review“ oder „nur eine Vorstellung eines tollen Albums“. Das geht oft viel tiefer und beinhaltet nicht selten persönlichen Schnack aus meinem Leben.
Gegen die allgegenwärtige Miesmuffeligkeit
Eine weitere Erkenntnis: Ich habe viel Freude daran, Menschen zu begeistern. Sie daran teilhaben zu lassen, wenn ein Film, ein Comic, ein Album oder was weiß ich mir gut gefallen und mir eine gute Zeit beschert hat. Das kann es für Euch ja möglicherweise auch, deswegen rede ich hier darüber. Und weil das so ist, findet Ihr hier im Verhältnis nur wenig Verrisse. Dieses ewige Rumgemaule geht mir in der echten Welt mittlerweile nur noch auf den Saque. Die Gesichter der Menschen werden immer länger, alle sind nur noch enpissed, dabei gibt es so oft auch schöne Sachen zu entdecken. Manchmal muss man nur dichter heranzoomen und das große Ganze somit aus dem Fokus verlieren. Je dichter man dran ist, umso schöner können Dinge sein. Außerdem habe ich ja kürzlich gelernt, wie plötzlich und unerwartet das Leben vorbei sein kann. Wollen wir da unsere Zeit wirklich damit verschwenden, immer alles kacke zu finden? Ich nicht.
Und damit schließe ich diesen neuerlichen kleinen Einblick mit folgendem Nachtrag, der mir gerade passend erscheint:
Am gestrigen 2. Oktober war der Tag des Lächelns. Ins Leben gerufen 1999 vom Grafiker Harvey Ball. Der Mann, der bereits 1963 das bekannte, gelbe Smiley-Gesicht erfunden hatte, um die Stimmung in der Versicherung, für die er arbeitete, zu verbessern.

Meine Liebste erklärt mir auch immer, ich soll mehr lächeln. Und vielleicht sollten wir das alle mehr beherzigen, nicht nur am 2. Oktober eines Jahres. Dann, und auch das ist eine Erkenntnis, verlieren viele Dinge, die uns miesmuffeln lassen, ihre Grundlage. Auch das ist eine Erkenntnis.