Ganz gleich, ob vermeintlich unschuldigen Bauarbeitern künstliche Erinnerungen eingepflanzt werden, damit sie in ihrem pummeligen Leben wenigstens einmal zum Actionhelden werden, oder ob uns Maschinen die Wirklichkeit vorgaukeln. Mindfuck ist seit jeher ein gern genommenes Mittelchen, wenn es darum geht, dystopische Visionen zu erzeugen. Das von Capcom vertriebene Actionspiel Remember Me, seit ein paar Tagen erhältlich, schlägt in eine ähnliche Kerbe und hätte aus der Feder Philip K. Dicks stammen können. Etwas verworren, insgesamt nicht ganz rund – und doch irgendwie cool. Das Wetter ist da und lädt zum Zocken in kurzen Hosen ein – gucken wir doch also mal, was in Neo-Paris im Jahre 2084 so los ist.

Inhaltlich ist Remember Me dem in der Einleitung angedeuteten Total Recall gar nicht mal so unähnlich. Dreh- und Angelpunkt der Zukunftsvision des französischen Entwicklerstudios Dontnod sind Erinnerungen. Im Jahre 2084 ist es möglich, diese abzugreifen, zu entfernen, damit zu handeln oder sie zu verändern. Es liegt auf der Hand, dass die Hosen anhat, wer diese Technologie kontrolliert. Das ist in diesem Fall die Firma Memorize. Haste schlechte Erinnerungen von anno dunnemals und hättest dies, das oder jenes lieber anders in Erinnerung behalten uuund verfügst außerdem noch über das nötige Kleingeld? Memorize regelt das für dich. Wie sehr Erinnerungen und die damit einhergehenden Erfahrungen ein Menschenleben prägen können, brauche ich Euch an dieser Stelle nicht erklären, oder? Und dass sich das, was zunächst eine gute Idee hätte sein können, irgendwann in einen totalitären Überwachungsstaat mit einer deutlichen Zweiklassengesellschaft entwickelte, war irgendwie auch klar. Wer in Neo-Paris in den Bau wandert, kommt kurzerhand mal sämtliche Erinnerungen entzogen und sitzt seine Strafe ab wie ein lobotomierter Lemming. Und wie das so ist, wenn Erinnerungen gut sind – man kann damit ganz bequem von einem High zum nächsten jagen, daher sind gute Erinnerungen quasi auch die Drogen von 2084. Entsprechendes Kleingeld vorausgesetzt. Haste keins, musstes halt klauen.

So wie die Heldin der vorliegenden Geschichte, die Gedächtnisjägerin Nilin. Die Lady hat durchschaut, wie der Hase in Neo-Paris wirklich läuft, und sich dem Widerstand angeschlossen. Als Erroristin (welch Wortspiel!) stand sie auf der Fahndungsliste ganz oben. Und irgendwann wurde sie geschnappt, eingebuchtet und sämtlicher Erinnerungen beraubt. So jedenfalls dachten es die Mächtigen. Nilin wäre nicht die Beste (und wir hätten kein Spiel), wenn das so einfach gewesen wäre. Mit Hilfe ihrer Kumpels aus dem Widerstand flüchtet Nilin aus dem Knast. Gerade noch rechtzeitig, bevor sie als sabberndes Stück Fleisch unter der schillernden Kulisse von Neo-Paris verendet wäre. Und ab hier übernimmt der Spieler und führt Nilin durch eine durchaus beeindruckende Tour de Force, auf der Suche nach ihrem Gedächtnis. Und dem mächtigen Memorize muss ja auch noch jemand in den Hintern treten. Mit Anlauf.
Remember Me präsentiert das Geschehen aus der Third-Person-Perspektive. Die weitestgehend frei drehbare Kamera ist dabei stets auf Nilins entzückende Rückansicht ausgerichtet. Das Spiel selbst ist eine Mischung aus Sightseeing des unendlich schönen Neo-Paris, einer Runde Klassenkeile und ein paar Quicktime Ereignissen, garniert mit gelegentlichen Klettereinlagen.

Die Prügeleien, die leider nach immer gleichem Schema ablaufen, erinnern ein bisschen an das Kampfsystem, das die letzten Batman-Arkham-Spiele unter anderem so schnuckelig machten. Leider jedoch, ohne deren Klasse oder spielerische Tiefe zu erreichen. Zu hakelig ist manchmal die Steuerung, zu ungeschickt die automatische Platzierung der Kamera, wenn es hart auf hart kommt. Es macht sich hier außerdem bemerkbar, dass Nilin zwar austeilen kann wie ein Weltmeister, aber eben nicht kontern. Die Dame springt dann lieber über ihre Widersacher hinweg, anstelle mal einen Angriff für einen Gegenangriff zu nutzen. Aber vielleicht muss das bei einer Lady des Jahres 2084 so sein, wer weiß? Entwickler Dontnod bemüht sich hier um Abwechslung, indem sie den Spieler für umgeboxte Gegner Punkte kassieren lässt, mit welchen neue Fähigkeiten/Bewegungen freigeschaltet werden, die sich dann in eigens definierbaren Kombos einsetzen lassen. So kann etwa der zweite Kinnhaken dazu dienlich sein, die Gesundheit ein wenig wieder aufzufüllen, während der vierte, gezielt platzierte Schlag ins Gesicht den Fokus schneller auffüllt. Dieser wiederum dient zur Ausführung mächtiger Attacken, die je nach Situation schon mal Nilins Hintern retten. Das klingt geschrieben coolhafter, als es letztlich ist. Das Kombo-System lässt Euch nämlich nicht so frei gestalten, wie es wünschenswert gewesen wäre. Zudem lässt sich das meiste gegnerische Kroppzeug eh mit dem gleichen Knöppegedrücke umhauen. Und für alle kommt dann der Spammer ins Spiel. Im Prinzip nichts anderes als ein Ballermann, der Schalter aktiviert oder im Kampf mit großen Kampfrobotern ganz formidable Dienste leistet.
Wir erinnern uns: 2084 ist es möglich, Erinnerungen zu remixen. Also entscheidende Veränderungen vorzunehmen und so die Persönlichkeit eines Menschen zu verändern. Nilin wäre nicht ganz oben auf der Liste der gesuchten Leute, wenn sie das nicht auch könnte. Hin und wieder muss der Spieler genau das tun: Erinnerungen remixen. Klingt spannend, ist aber leider nicht viel mehr als Gerödel am linken Stick Eures Controllers, um den richtigen Erinnerungsmoment zu erwischen, der zum Knöppedrücken gedacht ist. Die Krux: Verändert Ihr die falschen Dinge, geht die Sache in die Hose – und Ihr fangt von vorne an. Somit bleibt das hübsch inszenierte Remixen leider hinter den Möglichkeiten. Und nachdem Hüpfen und Klettern mit der Assassins-Creed-Reihe ja wieder ein ganz großes Thema in Third-Person-Actionspielen geworden ist, darf sich auch Nilin in schöner Regelmäßigkeit der Leibesertüchtigung hingeben. Wirklich fordernd oder spektakulär ist das alles nicht, sondern es wirkt einmal mehr wie ein Versuch der Entwickler, Nilins Reise möglichst abwechslungsreich zu gestalten. Die Krabbelei geht auch recht gut von der Hand, einzig die Kameraperspektive, die natürlich ein möglichst kinoartiges Erlebnis bieten soll, ist da manches Mal hinderlich.
Spielerisch orientiert sich Remember Me an vielen Dingen anderer, großer Titel. Sicherlich, weil sich aufgrund der Verkaufszahlen gezeigt hat, dass es funktioniert. Remember Me erreicht jedoch nicht die Klasse der genannten Vorbilder. Doch auch wenn sich das hier vielleicht dramatisch anhört, ein von seiner Spielmechanik her schlechter Titel ist Remember Me nicht. Mit etwas mehr Feintuning wäre sicher mehr möglich gewesen, so bewegt sich Remember Me im guten Mittelfeld.
Seine Punkte holt das Spiel in anderen Bereichen. Der optischen Gestaltung beispiel. Neo-Paris ist teilweise so unglaublich schön, dass es einem die Schuhe auszieht. Und auch die Slums sind mit einer solchen Liebe zum Detail gestaltet worden, dass ich mich immer wieder dabei ertappt habe, die Kamera hin und her zu schwenken, um die Landschaft in allen Einzelheiten in mir aufzunehmen. Dass es aufgrund fehlender Interaktionsmöglichkeiten oftmals so wirkt, als würde man durch einen Bildband latschen, stört mich dabei ebenso wenig, wie der fest vorgegebene Pfad. Es ist halt kein Open-World-Spiel, nech. Auch die Charakterdesigns wissen auf ganzer Linie zu überzeugen. Ebenso die Gesprächsfetzen der NPCs, die Nachrichtensendungen und, und, und. Was das Erschaffen einer lebhaft wirkenden, authentischen und malerisch schönen Spielwelt angeht, hat Dontnod ganze Arbeit geleistet. Ich würde sogar so weit gehen und behaupten wollen, dass mir in meiner langjährigen Praxis als Feierabendzocker bisher kein Spiel untergekommen ist, das derart überzeugend wirkt. Für mich überholt Remember Me in seinem fetzigen Artwork das eh schon epische Bioshock Infinite. Ein Schelm, wer behauptet, Dontnod hätten das Spiel um ihre hübsche Neo-Paris-Rundreise herum entwickelt.

Nächster, großer Pluspunkt ist der Soundtrack aus der Feder des französischen Komponisten Olivier Deriviere. Teils orchestral, teils elektronisch – zur Szenerie passende Glitches inklusive. Eben genauso fragmentiert, wie es die Erinnerungen Nilins sind. Olivier Deriviere darf sich wohl auf die Fahne schreiben, in diesem Jahr einen der besten Spielesoundtracks geliefert zu haben. Mächtiges Teil. Falls Ihr Euch davon überzeugen wollt – das Ding gibt es beispielsweise bei Spotify.
Dem tollen Soundtrack gegenüber steht die leider allenfalls mittelprächtige deutsche Sprachausgabe. Die Stimmen selbst sind weitestgehend ja noch ganz überzeugend, die Lippensynchronität und die Motivation, mit der die Sprecher ihren Job machen, sind es nicht. Möchte man hier mehr aus dem Spiel holen, möglicherweise die tolle Atmosphäre noch mehr verstärken, stellt man das Spiel auf Französisch um, ggf. entsprechend untertitelt.
Abschließendes Goodie für alle, die sich der Welt komplett hingeben wollen, sind die im Spiel versteckten Lexikoneinträge, die Geschichte, Charaktere, Technik oder Gegner näher erläutern. Spätestens hier wird sehr deutlich, mit welcher Akribie die Entwickler ans Werk gegangen sind. Ganz prima!

Remember Me ist eines dieser Spiele, die man mit einigem Genuss durchzocken kann und bei dem sich immer wieder so ein „Schade, da wäre sicher mehr drin gewesen“-Gefühl einschleicht. Das thematische Grundgerüst gefällt, die Handlung selbst plätschert so vor sich hin. Die Idee, Erinnerungen zu klauen bzw. zu remixen, ist mächtig. Die Umsetzung nicht so. Das selbst definierbare Kombo-System: hübsch gedacht, aber unterm Strich nutzlos, weil sich alles mit der immer gleichen Kombination erledigen lässt. Das ließe sich endlos fortsetzen. Und dennoch empfehle ich Remember Me gern weiter, nicht zuletzt, weil es sich nicht um den x. Aufguss eines erfolgreichen Titels handelt. Mut zur Lücke gehört belohnt! Des Weiteren: Neo-Paris gehört zur schönsten und glaubwürdigsten Kulisse, die je in einem Spiel umgesetzt wurde. Der Soundtrack spielt ebenfalls in einer ganz eigenen Liga. Atmosphärisch ist Remember Me demnach ein Gewinner, ich konnte mich an den liebevoll gestalteten Kulissen nicht sattsehen. Ich hoffe sehr, dass das Spiel genügend Geld einspielt, um einen weiteren Ausflug nach Neo-Paris zu rechtfertigen. Dann vielleicht auch konsequenter durchgeführt und mit weniger Kinderkrankheiten. Wünschenswert ist es.
