Ganz toll: die ganze Zeit ist draußen schönes Wetter. Und am einzigen freien Tag in dieser Woche passiert was? Richtig, es regnet. Und einigermaßen kühl ist es auch. Pffft. Nun ja, immerhin muss ich dann kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich meinen Kamin anheize und mal für eine Weile in neuer Musik versinke. Perlentaucherei, Ihr wisst schon. Gesagt, getan. Aus der Flut der Veröffentlichungen mitgebracht habe ich eine dringende Empfehlung für all diejenigen unter Euch, die sich für Indie-Rock mit schwerem Synthie-Einschlag begeistern können. Nachfolgend möchte ich Euch das Album +- der Band Mew vorstellen. Ein Album, das für gute 59 Minuten selbst dem grauesten und tristesten Alltag ein paar schillernde Farben entlocken kann.
Auch wenn wir es inzwischen mit dem sechsten Album der Kopenhagener zu tun haben, so möchte ich wetten, dass es immer noch genügend Konsumenten da draußen gibt, denen Mew bisher nichts sagt. Macht gar nüscht, wir werfen einfach mal einen kurzen Blick auf die Bandbiografie:
Wenn es dumm gekommen wäre, würden wir uns heute nicht über Mew unterhalten können. Die Bandgeschichte beginnt in einem Kunstprojekt, bei welchem die Bandmitglieder in der siebten Klasse einen Kurzfilm über das Ende der Welt drehten und diesen dann mit eigener Musik unterlegten. Nicht viel später gründeten sie eine Band, die sie Orange Dog nannten. Tja, naja, bekanntlich ist aller Anfang schwer – bei ihrem ersten Auftritt wurden sie der Legende nach von der Bühne gebuht. Wie gesagt, wenn es dumm gekommen wäre… Aber ist es ja zum Glück nicht!
Die Herrschaften benannten sich in Mew um und starteten einen weiteren Versuch. Joa, und dann ging es ab. Der Erfolg stellte sich ein, Sony Music wurde auf die Band aufmerksam und inzwischen gehören ihre ersten, mitunter in kleiner Auflage produzierten Tonträger zu begehrten und gesuchten Raritäten. Mittlerweile sind 20 Jahre vergangen, Mew besteht heute aus Jonas Bjerre, Bo Madsen, Silas Graae sowie Johan Wohlert und muss zwingend zur Speerspitze synthetisch angehauchter Indie-Pop/-Rock-Mucke gezählt werden.
Und nun sind wir hier und unterhalten uns über das Album +-, dessen rätselhafter Titel unter anderem den Wechsel von Sony zu [PIAS] (+) sowie die langen Zeiten, die sie für die Aufnahmen eines Albums brauchen (-), steht. Gott sei Dank lassen sich Albumname sowie die Musik selbst immer und zu jeder Zeit ganz individuell interpretieren. Das ist es doch, was ein gutes Album unter anderem bieten muss, nicht wahr?
Wenn sie uns mit Satellites die Türen öffnen, auf ihrem Album willkommen heißen, dann tun sie es mit einer solchen Intensität, einem solchen Esprit, dass man ihnen schon nicht mehr widerstehen kann, noch bevor die erste Minute verstrichen ist. Sicherlich, der hohe Falsettgesang Jonas Bjerres mag etwas sein, an das sich manche/r von Euch erst gewöhnen muss. Hohe männliche Gesangsstimmen sind ja nicht jedermanns Sache. Allerdings: Es dauert nicht lange, bis Gesang und die restliche musikalische Ausgestaltung eine Einheit ergeben, die einfach gar nicht anders sein könnte. Mit dem nachfolgenden, rockigen und treibenden Witness schleicht sich kurz das Gefühl ein, die Band drücke hier bewusst derart auf die Tube, um früher Feierabend machen zu können. Eventuell braucht es ein paar Anläufe, bis die erfreulich vertrackten Arrangements das Bewusstsein erreichen. Und kaum hat sich dieser Gedanke manifestiert, tritt Mew ein bisschen auf die Bremse. The Night Believer gehört klar in die Schublade Indie-Pop für den Pausenhof, Making Friends hingegen tönt wie eine aus den 80ern herübergebeamte Ballade. Mit üppiger Elektronik, ganz viel Hall und allem, was dazu gehört.
Bämm!!! – Direkt danach wird die Platte das erste Mal episch. Clinging To A Bad Dream macht mit seinen 6:44 Minuten Spielzeit sowie den unterschiedlichen Tempi und Passagen den Eindruck, ein Stück einer ausufernden Rockoper zu sein. Arcade Fire und Konsorten hätten das unmöglich eindrucksvoller hinbekommen können. Aber damit ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht, das Beste kommt ja erst noch!
Vorher erfreuen wir uns aber erst einmal noch an dem fetzigen My Complications, das unter Beteiligung von Russell Lissack (Block Party) entstand. Das Gefühl, auf die Klimax dieses Albums zuzusteuern, ist inzwischen nicht mehr zu leugnen. Erreicht ist sie mit dem mehr als zehnminütigen Stück Rows. Schon wieder ein Paradebeispiel dafür, dass Mew theoretisch wohl eine Rockoper der Superlative machen könnten. Mir würden spontan ein paar große Bands einfallen, die sich hier als Vergleich heranziehen ließen. Queen zum Beispiel oder Pink Floyd. Ich belasse es aber lieber bei der Feststellung: Es ist durchaus möglich, dass sich Raum und Zeit auf ganz eigenwillige Weise dehnen, während man sich in dieser wuchtigen Arie verliert. Das Jahr ist noch relativ jung, aber wenn wir uns an dessen Ende über die größten Rocksongs aus 2015 unterhalten sollten, dann wird diese Nummer ganz weit oben mit dabei sein. Definitiv! Alleine diese überbordenden Synthieteppiche gegen Ende, die nach ihrem Höhepunkt in flirrendes Klavierspiel münden – nur um dann noch einmal mit peitschendem Getrommel und abermaligem Gesang Gas zu geben und einen Meilenstein von einem Songfinale zu erschaffen. Groß, größer, Rows!
Nicht mehr ganz so gewaltig, aber nicht weniger eindrucksvoll beenden Mew ihr Album +- mit Cross The River On Your Own. Eine knappe Stunde Spielzeit, ganz große Melodien, stets mit einem leichten Hauch Melancholie versehen, großartig arrangiert und produziert – Indie-Herz, was bitte könntest du mehr wollen? Auch wenn sich Mew inhaltlich gerne mit niedergeschriebenen Albträumen ihres Sängers Jonas Bjerre befassen – ein Grund für schlechte Träume ist dieses Album ganz gewiss nicht! Es schafft gekonnt den Wechsel aus schnellen, partytauglichen Songs sowie Stücken, für die man die Türe hinter sich schließt, die Musik ein wenig lauter dreht und die Welt für eine kleine Weile aussperrt. Dann sind nur noch die eigenen Gedanken und Gefühle relevant. Und in welche Richtung auch immer sich die Gedankenreise dann entwickeln mag – Mews +- erweist sich immer und immer wieder als angenehmer, gefühlvoller Reisebegleiter, der stets den richtigen Ton zu treffen vermag. Oh, und auf einmal scheint auch wieder die Sonne …
Hat man sich erst einmal an den teilweise doch sehr hohen (Falsett-)Gesang gewöhnt, freut man sich nur noch über ein Album voller schillernder, hintergründiger Indie-Pop-Perlen, die aufgrund ihrer Dramaturgie, ihrer Arrangements, ihrer tollen Melodiebögen manchmal ganz dicht an der Genialität vorbeischrammen. Und sie manchmal überschreiten. Stücke wie Rows oder Cross The River On Your Own werfen unweigerlich die Frage auf, ob sich die Kopenhagener Band demnächst mal an einer Rockoper probieren möchte. Die Veranlagung ist jedenfalls da. Wer sich für synthetischen Indie-Pop begeistern kann, kommt in diesem Frühjahr nicht an +- aus dem Hause Mew vorbei. Aufgrund anhaltender Dauerbeschallung frage ich mich gerade, wann ich den Punkt erreiche, an welchem ich mir +- überhört habe… In meinen Ohren eindeutig DAS Indie-Album dieses Frühjahrs!
