Das Restaurant am Ende der Welten: Sandman – Worlds End
© Tilsner (Speed Comics)

Das Restaurant am Ende der Welten: Sandman – Worlds End

Es gibt da dieses Gasthaus. Das an sich ist nichts Ungewöhnliches, gibt es solche Einrichtungen doch wie Sand am Meer. Dieses Gasthaus ist aber in der Tat etwas Besonderes, trägt es doch den vielversprechenden Namen Gasthaus am Ende der Welten – und befindet sich auch genau dort! Auch sind die Umstände der Anreise etwas ungewöhnlicher Natur, erfordert es immerhin einen sogenannten Realitätssturm, um dorthin zu gelangen. Und meist hat man keinen Einfluss darauf, ob und wie man ins Worlds End kommt.

So zum Beispiel auch im Falle von Brant Tucker, der mit seiner Kollegin Charlene Mooney unterwegs nach Chicago ist. Es ist eine warme, klare Nacht, irgendwann im Juni, als es ganz plötzlich zu schneien anfängt und überdies auch noch ein seltsames Tier auf dem Highway auftaucht. Bei Brants Ausweichmanöver kommt der Wagen von der Straße ab, schleudert durch die Botanik und zerschellt dann letztlich an einem Baum. Wie durch ein Wunder haben Brant und Charlene den Unfall mehr oder weniger unbeschadet überstanden. Brant zieht Charlene aus dem völlig verschrotteten Auto und will sie durch das dichte Schneegestöber in Richtung Highway tragen, in der Hoffnung, per Anhalter zu einem Krankenhaus zu kommen. Aber egal, wie lange Brant auch durch den Schnee stapft, es will ihm nicht gelingen, den Weg zurückzufinden. Er ist schon kurz davor, alle Hoffnung aufzugeben und sein Schicksal zu akzeptieren, als eine Stimme von irgendwoher zu ihm spricht und ihm den Weg zum Gasthaus am Ende der Welten weist. Jedoch ist es seine Entscheidung. Sind die Lichter, die Brant sieht, nur Glühwürmer im Geäst irgendwelcher Bäume, oder sind es hell erleuchtete Fenster eines Gasthauses? Frei nach dem Motto, dass ein Versuch nichts kostet und es nichts schaden kann, der Sache mal nachzugehen, schnappt sich Brant Charlene und marschiert mit ihr auf die Lichter zu.

Und siehe da, es ist tatsächlich ein Gasthaus! Darin herrscht sogar rege Betriebsamkeit. Wesen und Menschen unterschiedlichster Sorte sitzen dort herum und erzählen sich bei einem Gläschen Alkohol die wundersamsten Geschichten. Und genau wie Charlene und Brant sind sie alle in einen sehr merkwürdigen Sturm geraten. Und ehe dieser Sturm nicht nachgelassen hat, bleibt ihnen allen notgedrungen nichts anderes übrig, als im Gasthaus zu bleiben und Geschichten zu hören und zu erzählen …

Mit diesem grandiosen Sandman-Band begann für Speed damals der Einstieg in das fantastische Epos von Neil Gaiman. Direkt anknüpfend an die Ausgaben von Ehapa, wird in Worlds End von einem Gasthaus erzählt, in welchem sich in einen Sturm geratene Reisende Geschichten von ihren bisweilen sehr eigenartigen Erlebnissen erzählen. Ein gewisser Gaheris etwa berichtet den gespannt lauschenden Anwesenden von einem Mann, der in einer Stadt lebte und sich eines Tages in den Träumen von eben dieser Stadt wiederfand – und aus denen es beinahe kein Entkommen gegeben hätte!

Oder Cluracan aus dem Reich der Feen, der von seiner Reise zu den Völkern der Ebenen erzählt, wo er einen Auftrag seiner Königin zu erledigen hatte. Oder die Erlebnisse des Schiffsjungen Jim. Oder, oder, oder … Dieser Band (so wie auch alle anderen Sandman-Bücher) steckt so voller genialer Ideen und großartiger, vielschichtiger Geschichten, dass es mir wirklich schwerfällt, meine Begeisterung dafür in Worte zu kleiden. Für mich ist Neil Gaiman der größte (Comic‑)Autor aller Zeiten und mit seiner Tragödie um den Herren der Träume (dessen Schicksal schon in Worlds End offenkundig wird) hat er ein Werk erschaffen, das ähnlich wie Alan Moores Watchmen zur Standardlektüre eines jeden ComicLESERS gehört. Ich betone Leser ganz absichtlich, denn wenn auch die Zeichnungen die Story perfekt unterstreichen mögen, so sind sie doch nicht als wirklich schön zu bezeichnen und werden aller Wahrscheinlichkeit nach Image- und/oder Manga-verwöhnte Comicfans abschrecken. Auf die Story kommt es an!

Und wenn beispielsweise Meister Gaiman in der Geschichte aus zwei Städten Anleihen an einen Großstadtroman im Stile von Paul Austers New-York-Trilogie nimmt oder der Horrorkönig schlechthin, Stephen King, das Vorwort zu Worlds End schreibt, werden sich auch und vor allem die Literaten unter uns wohlfühlen. Sandman ist eine Comicserie, die man einfach kennen MUSS und Worlds End ist für mich persönlich eines der Highlights daraus!

© Tilsner (Speed Comics)

Roman Jasiek

Hi, ich bin Roman! Ich bin ein Kind der 80er und schreibe seit Ende der 1990er-Jahre Dinge ins Internetz. Mein Herz schlägt für Musik, Comics, Collectibles, Essen, Reisen, Wandern und meine Lieblingsmenschen.