Alles Gute zum Geburtstag: Seelenschmerz (10th Anniversary Limited Jubilee Edition) von Blutengel
© Roman Jasiek

Alles Gute zum Geburtstag: Seelenschmerz (10th Anniversary Limited Jubilee Edition) von Blutengel

Nachdem Chris Pohl sein Projekt Seelenkrank einstampfte, gründete er 1998 das Projekt Blutengel. Das erste Album, Child of Glass, erschien ein Jahr später. Hier waren die Spuren, aus welchem Projekt Blutengel hervorging, noch deutlich zu hören. Zwei Jahre später veröffentlichte die Band ihr bis dato wohl wegweisendstes Album, das auch zehn Jahre nach seiner Veröffentlichung noch immer nicht an Relevanz verloren hat. Fast möchte man sich fragen, ob wirklich schon zehn Jahre ins Land gegangen sind, so zeitlos klingt Seelenschmerz auch heute noch. Das Line-up bestand zum damaligen Zeitpunkt neben Chris Pohl aus Kati Roloff und Gini Martin, die jedoch beide im gleichen Jahr die Band wieder verließen und später gemeinsam das Electro-Projekt Tristesse de la Lune gründeten. Das Cover vom stilprägenden Seelenschmerz-Album zeigt die sowohl traurig als auch gleichzeitig verträumt wirkende Kati Roloff. Anlässlich des zehnjährigen Geburtstages dieser Platte veröffentlichen Blutengel dieses Meisterwerk nun noch einmal in remasterter Form und taufen es Seelenschmerz (10th Anniversary Limited Jubilee Edition).

Wie zur damaligen Zeit nicht unüblich im Dark-Electro-Genre, wurde das Album in ein düsteres Intro (Welcome to the Suicide) und ein ausladendes Outro (After Death) eingebettet. Ebenfalls gängige Praxis war es gewesen, mehrere instrumentale Zwischenparts ins Album einzubauen (erinnern wir uns nur an die Mirror-Stücke von Project Pitchfork), die jeweils thematisch miteinander verbunden sind. So gesellen sich also auf Seelenschmerz vier unterschiedlich lange sogenannte Schmerz-Tracks, die alle einen anderen Untertitel haben (Liebe, Lust, Einsamkeit und Tod). Je nach Titel fängt die Musik hier perfekt das Thema ein. So sind z. B. bei Schmerz 3-Einsamkeit lediglich Piano und Streicher zu hören. Doch natürlich sind es die zahlreichen Ohrwürmer, die dieses Album so unsterblich machen. Angefangen vom genialen Titeltrack Seelenschmerz, das aus der Feder von Gini Martin stammt, die sich damit quasi selbst für immer ein Denkmal bei Blutengel gesetzt hat. Denn eines hat die Zeit deutlich gezeigt: Kein Konzert ist vollständig ohne diesen Szene-Klassiker, der auch heute noch in Clubs für volle Tanzflächen sorgt. Später wurde dieser Szene-Hit von der ebenfalls längst ausgeschiedenen Eva Poelzing live gesungen, heute übernimmt die stimmbegabte Ulrike Goldmann diesen Part. Beide Damen überzeugen bzw. überzeugten zwar, aber die volle Intensität, die ganze Zerbrechlichkeit, findet der Hörer nach wie vor nur in Ginis Stimme wieder.

Doch das Album hat noch mehr Ohrwürmer zu bieten als diesen in Stein gemeißelten Evergreen. Dass Blutengel die Szene heutzutage spalten wie kaum eine andere, liegt zum Großteil an ihrer vampiresken Koketterie und dem damit verbundenen Klischeebild in ihren Texten und der Darbietung. Das, liebe Blutengel-Hasser da draußen, war zu Beginn ihrer Karriere noch nicht der Fall (Bloody Pleasures vielleicht mal ausgenommen). Vor allem Child of Glass und Seelenschmerz klingen daher mehr nach dem Vorgängerprojekt Seelenkrank als nach dem heutigen BE-Sound, wie ihr ihn kennt und verachtet.

Zurück zu den Hymnen, die genau das beweisen: Ein weiterer Klassiker der Band, der ebenfalls auf keinem Konzert fehlen darf, ist Children of the Night. Sowohl klanglich als auch gesanglich ist er vielleicht der düsterste Blutengel-Hit, der spätestens im Chorus vor allem live pure Begeisterungsstürme auslöst – eine Ode an die Gothic-Szene könnte man ihn nennen. Vor Engelsblut gerne als finale Zugabe im Konzert gespielt, war die Stimmung im Publikum hier stets völlig losgelöst. Children of the Night ist Mitgröl- und Tanznummer zugleich. Ganz klar: keine Blutengel-Party ohne diesen Song! Neben dem bereits angesprochenen Bloody Pleasures, das damals auch als Single erschienen ist, gesellen sich hier weitere Perlen wie Der Spiegel, Die with you und das melodiöse Soul of Ice, das nicht wenige als ihren persönlichen Lieblingstrack von Blutengel angeben.

Der Rezensent dieses Vorzeige-Albums möchte es sich an dieser Stelle nicht nehmen lassen, hier auch einen vielleicht eher unbekannteren Titel zu benennen. Das ruhige Stück I’m dying alone gehört mit zu dem Geilsten, was Blutengel je veröffentlicht haben! Eine an und für sich minimalistische Nummer, die nicht viele Lyrics mitbringt, diese sich aber durch stetige Wiederholung umso mehr im Kopf einbrennen. Dass Chris Pohl ein begnadeter Melodienschreiber ist, ist hinlänglich bekannt. Die Art und Weise aber, wie I’m dying alone intoniert ist, gibt dem Song erst den richtigen Kick. Die Vocals bleiben alle auf einer Höhenlage, es gibt hier keine Ausrutscher nach oben oder unten. Dazu die traurigschöne Melodie und die Tatsache, dass alle drei Musiker diesen Song gemeinsam eingesungen haben, machen ihn zu etwas ganz Besonderem. Schade, dass dieses Stück nicht auch mal den Weg in eine Konzert-Setlist findet. Er wäre eine gelungene Abwechslung zum tanzbaren Dark-Pop, für den Blutengel heute stehen. Und außerdem: Mehr Atmosphäre geht fast nicht.

Zusätzlich zu dem remasterten Album gibt es in dieser Limited Edition noch eine Bonus-CD. Auf dieser sind die Stücke der Bloody-Pleasures-Maxi-CD von 2001 enthalten sowie die Bonus-CD aus der streng limitierten und heute nur bei eBay oder Börsen zu Höchstpreisen zu bekommenden Seelenschmerz-Box. Außerdem gibt es mit Fairyland noch einen raren Samplertrack obendrauf! Insgesamt neun Bonustracks bringt diese Neuauflage also mit sich, von denen v.a. die Edit-Version von Children of the Night interessant und bekannt ist, da das Sample zu Beginn auch gerne mal live als Intro für den Song eingesetzt wird. Da die gesamte Bloody-Pleasures-MCD enthalten ist, gleicht der erste Titel der Bonus-CD dem der Album-Version auch aufs Haar, was aber keinesfalls als negativ zu werten sein sollte. Heute würde man wohl bei No One (Lives Forever) nicht unbedingt heraushören, dass man es mit den Berlinern zu tun hat. Handelt es sich doch um einen Track, der mehr an Seelenkrank oder fast schon an die alten Terminal Choice erinnert, als an das düsterromantische Electropop-Projekt Blutengel.

Mit ihrem zweiten Longplayer schafften Blutengel den absoluten Durchbruch in der Szene und durften sogar im Juni 2001 beim Wave-Gotik-Treffen ihren ersten Live-Auftritt feiern – und das direkt als Headliner. Was daraus 10 Jahre später geworden ist, wissen wir. Regelmäßige Chartplatzierungen, ausverkaufte Hallen, unzählige Titelstories in den gängigen Musikmagazinen und eine stetig wachsende Fanbase. Wer also diesen Meilenstein düsterer elektronischer Musik noch immer nicht besitzen oder lediglich auf der Suche nach den raren Tracks der Bonus-CD sein sollte, darf und sollte hier unbedingt zuschlagen.

Im Prinzip ist alles gesagt: Ob man Blutengel nun mag oder nicht, auf diesem Album sind so viele dermaßen geile Stücke vertreten, denen sich eigentlich kaum jemand wirklich entziehen kann – die o.g. Hymnen sprechen dabei für sich, sodass (hier beliebige Anzahl einfügen) Anspieltipps eigentlich viel zu wenig für ein Album mit solcher Hitdichte wie diesem sind. Machen wir es also kurz: Seelenschmerz gehört in jede Sammlung und wer diese CD noch nicht hat, der sollte jetzt die sich bietende Gelegenheit nutzen und die raren Tracks der Bonus-Scheibe mitnehmen.

© Out of Line

Roman Jasiek

Hi, ich bin Roman! Ich bin ein Kind der 80er und schreibe seit Ende der 1990er-Jahre Dinge ins Internetz. Mein Herz schlägt für Musik, Comics, Collectibles, Essen, Reisen, Wandern und meine Lieblingsmenschen.