„Man muss auch mal in den Schmerz hineingehen!“ Das war ein Spruch, den sich eine Wandergruppe, die uns gestern entgegengekommen ist, auf T-Shirts hatte drucken lassen.
Ja, muss man wohl, wenn man Fortschritte erzielen möchte.
Nach meinem ersten Gehversuch (Pun intended) beim Ultra-Walk in Magdeburg sowie dem Mammutmarsch Hamburg bei Nacht folgte nun also das nächste, richtige Event in dieser Hinsicht. Untätig sind Nicole und ich in der Zwischenzeit nicht gewesen, seien es nun Wanderausflüge in die Winterwunderwelt Harz oder aber das Abreißen von Höhenmetern auf Madeira und den Kanarischen Inseln.

Zurück zum Schmerz: Ein paar kleinere Blasen an den Füßen, die Knöchel schmerzen, vor allem der linke, und Muskelkater deluxe in den Waden. Das sind die, wie ich finde, sehr überschaubaren Blessuren der letzten Extremwanderung. 55 Kilometer rund um Leipzig waren am vergangenen Samstag, dem 7. März 2026, als Saisonauftakt vom Mammutmarsch angesetzt. Schmerzhaft und die neuerliche Verschiebung einer körperlichen Grenze war es dennoch. Zumindest für mich.
Unser Ausflug Richtung Leipzig startete am Vorabend, begleitet wurden wir von Nicoles Freundin und Arbeitskollegin, die übrigens ebenfalls auf den Namen Nicole hört. Die beiden Frauen haben schon so einige Events dieser Art mitgemacht, ihre Messlatte liegt bei derzeit 75 Kilometer rund um Potsdam. 100 Kilometer rund um Berlin folgen im Mai. Nun, so weit bin ich noch lange nicht.
Beim Mammutmarsch und ähnlichen Veranstaltungen ist es so, dass aufgrund der unterschiedlichen Distanzen - zur Verfügung standen 30, 42 und 55 Kilometer - die Teilnehmenden in Startgruppen eingeteilt werden, um das Ganze ein bisschen zu entzerren. Wir hatten Startgruppe 8, passenderweise erfolgte der Anpfiff für uns um 8 Uhr morgens. Bei erfrischenden 1 Grad Außentemperatur.

Um nicht schon mitten in der Nacht aus Gardelegen bzw. Haldensleben nach Leipzig düsen zu müssen, buchten wir ein Zimmer in einem A&O Hostel in der Nähe vom Hauptbahnhof und nutzten den Abend noch für eine kleine Stärkung mit Speis und Trank in einem irischen Pub. Die Nacht war trotzdem sehr kurz; der Wecker klingelte bereits um 05:30 Uhr und wenigstens eine Person unseres lustigen Wandertrios (also ich) konnte aufgrund des Straßenlärms ewig nicht einschlafen und war lange vor dem Weckerklingeln wieder wach. Egal, eine Dusche wird es schon richten.
Auf dem Weg zum Startpunkt ließ uns unsere Straßenbahn im Stich. Ich habe keine Ahnung, warum wir plötzlich alle die Bahn verlassen mussten (sorry, Dude, die Ansage war einfach nicht zu verstehen!), machte aber nüscht. Ein Schienenersatzverkehr wurde ruckzuck eingerichtet. Kudos an dieser Stelle an die nette Busfahrerin, die lautstark darauf aufmerksam machte, dass unsere Weiterfahrt nun also mit ihr stattfinden würde.

Gegen 07:30 Uhr erreichten wir das Gelände. Und es sieht dort ein bisschen aus wie auf einem Festival. Kleine Büdchen mit Getränken und Speisen, jede Menge Dixie-Klos, ein Merchandise-Stand und ziemlich viele Buden, um sein Ticket gegen ein Start-Armband einzutauschen. Im Prinzip wurde dieser Aufbau bei den verschiedenen Verpflegungsposten beibehalten, abzüglich von Merch und Check-in, versteht sich.
Nachdem wir unsere Bändchen abgeholt hatten, reichte die Zeit gerade noch so für einen gemütlichen Ausflug auf die Pippibude, danach reihten wir uns auch schon in den Startkanal ein. Zur motivierender Musik und Ansagen eines der zahlreichen Volontäre ging es für uns und überraschend viele pünktlich um 8 Uhr los. Die Sonne war schon aufgegangen und es versprach, ein schöner, zum Extremwandern hervorragend geeigneter Tag zu werden. Und so geschah es.

Die Sonne begleitete uns den lieben langen Tag über. In den Abendstunden, nachdem man schon über 40 Kilometer gewandert war, wurde deutlich, wie sehr die Sonne schon Wärme abstrahlte. Die letzten Kilometer verliefen durch einen Park in völliger Dunkelheit (vong Planung her gesehen auch eher ungünstig) und da war zumindest mir so kalt, dass ich immer knapp am Schüttelfrost vorbei atmete. Vielleicht war mein Körper kurz vor dem Ziel aber auch einfach durch. Schließlich war dies mein erster 55er, zuvor waren es je einmal 42 und 30 Kilometer und sonst nur Wanderungen, bei denen es eher um Höhenmeter ging als um Distanzen.

Ich kann Euch sagen, dass die letzten 5 Kilometer auch hier wieder das Arschloch vom Dienst waren. Sind sie scheinbar irgendwie immer. Jeder Schritt tut weh, man möchte eigentlich sitzen oder direkt liegen, bitte gerne im Warmen, und doch: Aufgeben ist einfach keine Option. So kurz vor dem Ziel schon gar nicht. Und so setzt man einen Fuß vor den anderen und findet immer neue Möglichkeiten, sich davon abzulenken. Fingerübungen, die der Ergotherapie entliehen waren. Oder achtsames Atmen (hey, wer hat hier Hecheln gesagt?!). Kudos an dieser Stelle auch an die beiden jungen Männer, die beim letzten Verpflegungspunkt, gut 10 Kilometer vor dem Ziel, erklärten, dies sei ihr erster Marsch und sie hätten sich komplett verschätzt. Jau, so geht es vielen. Das „extrem“ in Extremwandern hat schon Gründe. Aber auch diese beiden haben wir durch die Ziellinie laufen sehen. Respekt dafür!

In der Straßenbahn auf dem Weg zum Hauptbahnhof, die wir nach einem gefühlten Hechtsprung erreichten, wurden wir in ein Gespräch verwickelt von einer Gruppe junger Menschen, die gerade ihren ersten 30er absolviert hatten und dementsprechend erschöpft aus ihren Funktions-Shirts lugten. Wie wir die 55 Kilometer gemacht hätten, wurden wir gefragt. Die Antwort ist so banal wie naheliegend: mit den Füßen. Ob man solch einen Marsch schafft, hängt – neben allgemein guter Verfassung – zu einem nicht unerheblichen Teil vom Kopf ab. Oder vom Mindset, wie man neuerdings so sagt. Immer einen Fuß vor den anderen. Schritt um Schritt. Auch die arschlochigsten letzten 5 Kilometer sind irgendwann vorbei und geschafft. Und dann kommt der Zieleinlauf, wo man von Helfern bejubelt wird. Dann kommen die Medaille und das Finisher-Bändchen. Und dann weicht der Stress, die Anspannung ab und man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll. Vermutlich stellt sich diesbezüglich irgendwann eine Gewöhnung ein. Der Stolz aber, es wieder einmal geschafft zu haben, sich wieder einmal selbst bewiesen zu haben, zu was man eigentlich in der Lage ist, der verfliegt vermutlich nie.
Gleichwohl möchte ich an dieser Stelle darauf hinweisen: Achtet auf die Signale Eures Körpers! Eine Person musste wiederbelebt werden, Hintergrund und Ausgang unklar. Wie weiter oben schon erwähnt: Es heißt nicht ohne Grund Extremwandern. Und auch das muss gesagt werden: Allein schon anzutreten und die ersten Schritte zu tun, ist ein Sieg! Abzubrechen, weil es nicht mehr geht, keine Schande.

Die beiden Nicoles hatten einen Mammutmarsch rund um Leipzig früher schon einmal mitgemacht und waren erstaunt, wie viele Menschen hier und heute an den Start gegangen sind. Ich kann es nicht beurteilen, ob das wirklich mehr waren, aber voll war es schon. Natürlich entzerrt sich das irgendwann, weil alle in ihrem eigenen Tempo durch die Botanik flanieren. Die beiden Nicoles und ich sind ziemlich zügig unterwegs. Und doch, auch in den Kommentaren der zugehörigen Facebook-Gruppe war zu lesen, dass es dieses Mal zu viele Leute gewesen seien. Oder umgekehrt, dem Zuwachs an Wanderern nicht auf organisatorischer Seite Rechnung getragen wurde. So wurden viel zu lange Schlangen und damit einhergehende Wartezeiten beispielsweise am Hot-Dog-Stand an einem der Versorgungspunkte kritisiert oder dass die Wanderer, die sich für die 42-Kilometer-Strecke entschieden hatten, weite Strecken mit den 55ern zusammengelaufen waren. Früher war es wohl so, dass man sich zwar immer wieder mal begegnete, vielleicht auch Teilabschnitte sich überlappten, aber insgesamt doch sehr individuelle Routen geplant wurden.
Auch hier: Vermag ich nicht zu beurteilen, die Kritik an den Versorgungspunkten konnten wir in Teilen jedoch gut nachvollziehen. Beispielsweise gab es um 11 Uhr schon am ersten Verpflegungspunkt keine belegten Brote mehr, der letzte Verpflegungspunkt wurde gegen 18 Uhr schon abgebaut. Wir waren garantiert nicht die letzten und langsamsten Läufer. Selbstversorger-Event hin oder her: Wenn man mit Verpflegungsposten wirbt, die gewiss auch in die nicht gerade unerhebliche Startgebühr von 69 Euro geflossen sind, sollte man unseres Erachtens schon dafür Sorge tragen, dass alle die Chance haben, etwas zu bekommen. Und wenn man die Ausgabe rationiert.

Interessante Beobachtung meinerseits: Von Leipzig und der Gegend um mich herum habe ich dieses Mal erstaunlich wenig bewusst wahrgenommen. An das Völkerschlachtdenkmal und dass wir daran vorbeigekommen sind, daran erinnere ich mich. Aber sonst? Ein Park in finsterer Nacht und auch sonst viel Gelatsche entlang bzw. mittenmang von grüner Gegend. Oder, in Anbetracht der Jahreszeit: grüne Gegend to be. Da hat mich Hamburg im letzten Jahr mehr abgeholt. Vielleicht, weil Hamburg ja mein Sehnsuchtsort ist, vielleicht auch, weil es da ohnehin mehr zu sehen gibt mit den dicken Schiffen und so weiter. Vielleicht auch, weil ich hier viel mehr mit mir beschäftigt war und das Ziel erreichen und nicht hinter den beiden Damen zurückbleiben wollte. Wer weiß.
Abschließen möchte ich mit der Feststellung: Es war nicht das Ende aller Tage, ich wandere wieder, keine Frage! Ob ich allerdings direkt beim nächsten Mal wieder noch eine Schippe drauflege oder, um mehr Kondition und Fitness zu bekommen, mich erst einmal weiter in der bisher geschafften Range bewege, ist unklar. Ich tendiere zu Option 2. Allerdings hatte ich nach 30 und 42 Kilometern auch schon gedacht, dass hier das Limit erreicht sei, und habe da so eine Vermutung. Ich halte Euch auf dem Laufenden.
