Musikalische Restlichtverstärkung vom Feinsten: diorama - a substitute for light
© Thomas Wuhrer

Musikalische Restlichtverstärkung vom Feinsten: diorama - a substitute for light

Nur mal angenommen, Ihr seid als Musiker tätig und hättet im Laufe Eurer Karriere ein Album gemacht, das vielerorts als Euer bestes Werk jemals gefeiert wurde. Konsumenten und Kritiker sind sich einig, loben das Album in den allerhöchsten Tönen und kommen vor lauter Euphorie gar nicht mehr runter. Könnte man sich da nicht zur Ruhe setzen, weil es, zumindest aus dieser Perspektive, nicht mehr besser werden kann? Wenn das der Antrieb ist bzw. war, sicherlich. Wenn es jedoch die intrinsische Motivation ist, Musik zu erschaffen, weil etwas aus dem Inneren nach außen gekehrt werden muss, weil etwas erzählt werden soll oder womöglich die Musik anderen zum Trost dienen, ihnen Kraft spenden soll, ist der Schnack jedoch ein anderer. Da ruht man sich wohl nur eine kurze Zeit auf den Lorbeeren aus, die man zuletzt eingeheimst hat, krempelt anschließend die Ärmel hoch und geht wieder an die Arbeit.

Irgendwas in dieser Richtung möchte ich gerne der Reutlinger Ausnahmeband diorama unterstellen wollen. Schließlich haben sie mit Album Nummer 10, tiny missing fragments, inmitten der Pandemie ein Album von ganz besonderer Güte geschaffen, das Konsumenten und Kritiker gleichermaßen in höchste Verzückung versetzte. Auf so vielen Ebenen next level, das war mein Eindruck damals.

Gute sechs Jahre später liegt nun Album Nummer 11 vor, getauft auf den klangvollen Namen a substitute for light. Ein erster Impuls wäre sicherlich, die Frage in den Raum zu werfen, ob die Band um Torben Wendt und Felix Marc es erneut geschafft hat, (nicht nur) die eigenen Maßstäbe erneut zu verschieben. Würde ich es darauf herunterbrechen wollen, wäre die Antwort wohl: nein. Ist aber auch gar nicht nötig. Erfreulicherweise kann man aber an seiner Impulskontrolle arbeiten und schwierige Vergleiche, die einer Wertung gleichkämen, an die Seite schieben. Versuchen wir es doch daher stattdessen ganz unvoreingenommen mit einer Betrachtung des neuen Albums, woll?

© Thomas Wuhrer

Es fühlt sich an wie ein Best-of des bisherigen Schaffens. Ein Destillat aus allem, was man an der Band toll finden kann. Garniert mit neuen Elementen, welche die Spannung erhöhen. Wie so oft im bisherigen Oeuvre machen es diorama auch auf dem neuen Album ihren Hörern nicht zwingend einfach, einen Zugang zu finden. Schon das Eröffnungsstück Achievements ist ein hübsches Beispiel für diese Aussage. Schwermütig fließen die Töne aus den Boxen, wecken Erinnerungen an even the devil doesn’t care (2013) oder auch amaroid (2005). Die Synties definieren hier (so wie auch auf dem restlichen Album) ganz klar wieder das Klangbild; die Pink-Floyd’schen Gitarrenexperimente des Vorgängers sind in den Hintergrund gerückt. Das kann man schade finden. Gleichzeitig kann man sich jedoch auch wieder heimisch fühlen in dem musikalischen Raum, dessen Türe hier aufgestoßen wurde. »And if it starts to rain, you be the one to sabotage the building of the Ark«, heißt es hier. Selbstsabotage ist eine Kunstform, die gewiss so einige von uns gemeistert haben. Und dabei natürlich nicht vergessen, die Achievements mit dem Hintern einzureißen. Man kennt es.

Achievements, Isolated, No Complications, Million Dollar Smile – das erste gute Viertel des Albums wirkt wie eine Reise zurück in das elektronisch orientiertere Tun der Band. Diese Anlehnung an frühere Tage gelingt diorama, ohne dabei alles mit der Nostalgie-Klatsche zu erschlagen oder sich in irgendeiner Form von Fan-Service zu versteigern. Dann folgt Kunstblut. Ein in mehrerlei Hinsicht Bruch mit dem bisher Gewohnten. So einen technoiden, beinahe schon monoton zu bezeichnenden Banger hat man von diorama bisher nicht in die Gehörgänge geschoben bekommen, und kurz überlegt man beim ersten Durchlauf des Albums, ob man noch beim gleichen Album oder Künstler geblieben ist. Ein Experiment, wie es diorama in der Vergangenheit immer wieder mal gemacht haben. Ich erinnere da an Dark Pitch vom Vorgängeralbum, das in seiner Schwere und Sperrigkeit auch keinen Blumentopf für die eingängigste Popnummer des Jahres gewonnen hatte.

© Thomas Wuhrer

Hat man sich das Kunstblut allerdings vom Kittel gewischt, bekommt a substitute for light einen anderen Dreh. Da folgt zunächst mal die wunderbare Ballade Ruling My World, die meines Erachtens das Loslassen thematisiert, lange nachdem in welcher Form auch immer ein Abspann gelaufen ist, und wie sehr Dinge im eigenen Leben nachwirken. Es folgt das schmissige More Gold, bei dem die Gitarren wieder mehr Anteil bekommen haben und sich diorama wieder mehr klangliche Experimente erlauben, als in den, ich nenne sie mal, regulären Songs dieses Albums. Ohne diese jedoch auf Kosten der Eingängigkeit zu unternehmen.

On a journey ist für mich der Gewinner dieses Albums; in meinen Ohren das legitime, geistige Erbe von The Minimum. Nur dass der Erzähler hier nicht in einer Nussschale den Yukon runterfährt, sondern die Reise einen viel größeren Maßstab hat. Das kann im wörtlichen wie auch im übertragenen Sinne der Fall sein. Wie so oft überlassen es diorama ihrem Publikum, in den Texten ihre eigene Interpretation, ihre eigene Wahrheit zu finden. Dank des flotten Beats sehe ich mich vor meinem geistigen Auge in einem Zug durch die Landschaft donnern, den Blick durch das Fenster auf die vorbeiziehenden Landschaften gerichtet, größere und kleinere Landschaften inklusive. Hinter jedem Fenster, in jedem Haus, in jedem Dorf: eine Geschichte, eine Reise durch das Leben. »We’re on a journey, we’re arriving soon.« Aber was ist denn das Ziel? Und was passiert, wenn wir es erreichen?

Um auch dieses Mal nicht wieder jeden Song im Detail zu sezieren und Euch die Möglichkeit für eigene Entdeckungen und Interpretationen zu geben, stecke ich die Lupe wieder ein und wage eine ganzheitlichere Betrachtung. Der zweite Teil des Albums, so man denn Kunstblut als eine Art künstlerische Pause, die das Album in zwei Akte oder Teile aufbricht, betrachten möchte, nimmt stilistisch irgendwo zwischen a different life (2007) und the art of creating confusing spirits (2002) Platz. Es ist, und das sei ausdrücklich betont, nur ein Gefühl. Der Eindruck, der Gedanke, der sich beim Hören des Albums bei mir manifestiert hat. Das mögt Ihr freilich ganz anders sehen.

In meinen Ohren haben sich diorama hier für die richtige Herangehensweise entschieden, und sei sie noch so unbewusst aus dem Tun, aus der eingangs erwähnten Motivation heraus, gewählt worden. Dass sich diorama hingesetzt und aus einer Weinlaune heraus beschlossen haben: Ey, lass mal wieder Mucke wie Damals™ machen!, das halte selbst ich für unwahrscheinlich. Gleichwohl würde ich den Herren unterstellen, dass sie sich dessen bewusst sind, welch eine Großtat tiny missing fragments gewesen ist und dass die Erwartungshaltung an einen Nachfolger gewiss enorm sind. Bekanntlich holt man aber mehr Schwung, wenn man ein paar Schritte zurückmacht und Anlauf nimmt. Dem Gesetz von Masse mal Wucht folgend hat man genügend Energie aufgeladen und kann Erwartungen, die unweigerlich aufkommenden Vergleiche mit dem Vorgänger, einfach beiseite fegen. Und exakt das ist es, was diorama hier getan haben.

a substitute for light ist einmal mehr ein bärenstarkes Album geworden, das sich einerseits wohlig vertraut anfühlt, andererseits aber ganz viele spannende, neue Impulse mitbringt, damit auch langjährige Fans noch etwas Neues zu entdecken haben. Melancholisch, gleichwohl aber auch eingängig. Feinfühlig, gleichwohl aber auch in den richtigen Momenten mit der nötigen Vehemenz. Vielschichtig, gleichwohl aber auch dort, wo es angebracht ist, zurücknehmend und akzentuiert. Ein Album, das etwaige Vergleiche mit dem Vorgänger mit sehr lässiger Geste vom Tisch fegt. Und das, so man denn dafür empfänglich ist, gemäß dem Thema und dem Anspruch des Albums – nämlich um das Licht herumzuzirkulieren, auch wenn es eigentlich vollkommen Finster ist – förmlich zum Leuchtturm werden kann. Bekanntlich ist es immer am dunkelsten vor der Dämmerung. Und schaut man sich den Zustand der Welt an, entsteht der Eindruck, dass wir gerade in sehr, sehr dunklen Zeiten leben.

Ich möchte abschließend die Leute vom Ankerherz Verlag zitieren: Da hinten wird es hell. Und das wird es. Bis man das Licht wieder sehen kann, lässt es sich mit dioramas neuer Großtat einmal mehr durch die Dunkelheit hangeln. »Kein Ausweg«, heißt es im Pressetext, aber dafür weiter: »ein Weg, mit der Ausweglosigkeit umzugehen. Ein Trost in der Dunkelheit« sei es, ein »Ersatz für Licht« gar. Dem kann ich an dieser Stelle nichts mehr hinzufügen. Nur mit dem Kopf nicken in der Erkenntnis, mich in den kommenden Monaten einmal mehr an das Werk von diorama zu klammern.

© Accession Records

Roman Jasiek

Hi, ich bin Roman! Ich bin ein Kind der 80er und schreibe seit Ende der 1990er-Jahre Dinge ins Internetz. Mein Herz schlägt für Musik, Comics, Collectibles, Essen, Reisen, Wandern und meine Lieblingsmenschen. Ich lebe und arbeite in Gardelegen.