Wollen wir mal wieder ins Kino gehen, es gibt einen neuen Film mit Ryan Gosling und ich habe keine Ahnung, worum es darin geht. Irgendein Science-Fiction-Moped, mehr weiß ich nicht. – So in etwa waren meine Worte, um meine bessere Hälfte Nicole zu einem Ausflug ins Kino zu bewegen. Und da Ihr nun diese Zeilen lest, hat es offensichtlich geklappt. Am vergangenen Wochenende machten wir einen Ausflug nach Wolfsburg, um uns Der Astronaut – Project Hail Mary anzuschauen. Nicht ohne zuvor noch lecker Schnabulieren gewesen zu sein, aber das ist vielleicht noch ein Thema in einer anderen Geschichte.
Ob nun Barbie, Blade Runner 2049, Driver, La-La-Land oder auch The Fall Guy – die Liste sehenswerter, weil unterhaltsamer Filme mit Ryan Gosling ist lang, zudem gehört der Mann zu den Schauspielern, auf die wir uns beide ganz easypeasy einigen können. Und tatsächlich hatten wir über den Film, den wir am vergangenen Freitag zu sehen bekommen sollten, im Vorfeld so gar nichts mitbekommen. Keine Trailer, keine Spoiler, keine Reviews. Nur über Social Media am Rande mitbekommen, dass der Film existiert, dass er im Kino angelaufen ist und wohl auch einigermaßen erfolgreich ist. So komplett unbefangen ins Kino zu gehen, hat schon was. Ich verstehe schon, warum sich Menschen für Sneak-Previews begeistern können.

Worum geht es in dem Streifen? Ryan Gosling spielt den Molekularbiologen Ryland Grace, der sich seine Taler als Lehrer an einer Mittelschule verdient. Oder besser: verdiente. Denn in dem Moment, in dem uns der Film auf eine wunderbare Reise mitnimmt, erwacht Grace auf einem Raumschiff, mutterseelenallein auf dem zu einer 11,9 Lichtjahre entfernten Galaxie namens Tau-Ceti. Er hat keine Erinnerung mehr daran, warum er an Bord ist und warum er offensichtlich viele Jahre in einem künstlichen Koma verbracht hat. Ein Koma, das seine beiden Mitreisenden nicht überlebt haben.
Nach und nach kehrte die Erinnerung jedoch zurück. Die Erde ist von einer sich anbahnenden Katastrophe betroffen. Außerirdische Mikroorganismen, die sogenannten Astrophagen, haben sich quasi auf der Sonne niedergelassen, mit dem Ergebnis, dass diese zu verdunkeln droht. Was wiederum auf der Erde in nur 30 Jahren zu einer globalen Abkühlung führen würde, Hungersnöte und kriegerische Auseinandersetzungen um die letzten verbliebenen Ressourcen inklusive. Diese Astrophagen bilden eine Infrarotlinie, Petrowa-Strahl genannt, zwischen Sonne und Venus, was die entscheidenden Hinweise liefert, eine waghalsige Mission ins Leben zu rufen, um das drohende Ende der Welt abzuwenden.

Die ESA-Projektleiterin Eva Stratt, gespielt von der wieder einmal großartigen Sandra Hüller, ruft Project Hail Mary ins Leben. Der Begriff geht übrigens auf American Football zurück und beschreibt die verzweifelte Maßnahme, alles auf eine Karte zu setzen und mit Glück das Blatt noch zu wenden. Wie passend für ein Unterfangen, bei dem es um nicht weniger geht, als um die Rettung der Menschheit. Bisschen religiös ist es zudem auch noch, da „Hail Mary“ dem katholischen Gebet Ave Maria entliehen wurde, so viel bedeutet wie „Gegrüßet seist du, Maria“ und sich in Kombination mit dem Nachnamen des Protagonisten, Grace (Gnade im Deutschen), ein formschöner Kreis schließt: Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade.
Abgesehen davon hat dieser kurzweilige und sehr unterhaltsame Film, der sich erfreulicherweise nicht allzu ernst nimmt, nichts mit religiösen Themen zu tun. Eher mit Wissenschaft. Und wenn man dem Astrophysiker, Kosmologen, Hochschulprofessor, Wissenschaftsjournalisten und Fernsehmoderator Neil deGrasse Tyson glauben darf, dann hat das Gezeigte in dem Film auch so weit alles Hand und Fuß. Nicht jedoch so sehr, dass man eine weitere Folge von Jugend forscht serviert bekommt. Es wirkt jedoch auf Laien wie mich, die vor allem keine Ahnung haben, davon aber ganz viel, alles schlüssig und glaubhaft.

Im Laufe der Handlung bekommt Grace Gesellschaft in Form einer außerirdischen Lebensform, die er kurzerhand Rocky nennt. Warum dieser Name, das sei an dieser Stelle verschwiegen. Ich möchte auch gar nicht weiter auf die Handlung eingehen an dieser Stelle, schließlich sollt Ihr den Film selbst ankucken. Aber dieses wirklich mehr als ungleiche Gespann entwickelt einen tollkühnen Plan, um an die benötigten Ressourcen zu kommen, mit denen sich die Astrophagen aufhalten lassen. Zumal es in beiderseitigem Interesse ist. Denn auch Rockys Welt ist in Gefahr. Und überhaupt jede andere Galaxie, die eine Sonne hat.
Bei Filmen, die im Weltraum spielen und nicht im Bereich Star Wars oder Star Trek angesiedelt sind, drängt sich immer so ein bisschen auch der Vergleich zu Filmen wie Interstellar oder Ad Astra auf. Was soll ich Euch sagen, Leute – Der Astronaut ist ein ganz anderer Schnack. Nicht so dramatisch wie Interstellar, nicht so behäbig und tiefenpsychologisch angehaucht wie Ad Astra.
Dafür, dass wir es hier eigentlich mit einem Katastrophenfilm zu tun haben – immerhin geht es um nicht weniger als das Quasi-Ende der Welt –, ist der Film überraschend leicht, warmherzig, selbstironisch und ja, in Teilen auch witzig. Zu einer guten, überzeugenden Geschichte gesellen sich tolle Bilder, oft sehr unaufgeregte Kameraführung, überraschende Musik (immer wieder hört man Songs aus den 60ern oder 70ern) und mit Ryan Gosling und Sandra Hüller auch zwei wahnsinnig gute Schauspieler, die, so scheint es, so richtig, richtig Bock auf ihre Rollen hatten.

Rund 157 Minuten dauert diese interstellare Reise. 157 Minuten, die wie im Flug vergangen sind. Wir kamen bestens unterhalten aus dem Kino und fühlten uns im Innern angenehm und positiv berührt. Wir müssten den Film so schnell nicht zwingend noch einmal sehen, sind aber sehr froh, den Weg ins Kino gefunden zu haben. Der Film wirkt sicher noch eine ganze Weile nach.
Abschließend möchte ich die Eingangsfrage noch einmal aufgreifen und die Antwort liefern: Kann ein Katastrophenfilm ein Feel-Good-Movie sein? Ja, kann er. Der Astronaut – Project Hail Mary liefert den eindrucksvollen Beweis dafür.
