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# Behutsame Gratwanderung zwischen Kriminal- und Schauerroman: Nebelsturm von Johan Theorin
- URL: https://www.romanjasiek.de/behutsame-gratwanderung-zwischen-kriminal-und-schauerroman-nebelsturm-von-johan-theorin/
- Published: 2009-09-22T17:25:00.000Z
- Updated: 2026-09-05T08:43:19.000Z
- Author: Roman Jasiek
- Tags: Bücher, #Nebelsturm, #JohanTheorin, #PiperVerlag, #arweave-txid-OK9lVppl_uh6eM-R6kLZ4fpP6bR7qOXbEt_IW-v6tRg, #arweave-hash-0352b2fd7b3da433

So schön Schweden auch sein mag, so ungemütlich kann es dort auch sein. Ungemütlich – und gefährlich. Die namengebenden Winterstürme auf **Öland** zum Beispiel sind ein guter Grund, das Haus auf der **Ostseeinsel** wirklich nur noch dann zu verlassen, wenn es unbedingt notwendig ist. Und so wie es in **Nebelsturm** von **Johan Theorin** beschrieben wird, sollte man sich zunächst mal mit den Einheimischen unterhalten, ehe man beschließt, sich dort dauerhaft niederzulassen.

Ein guter Rat, der für **Joakim**, den Protagonisten dieses schwedischen Krimis, zu spät kommt. Zusammen mit seiner Frau **Katrine** und ihren beiden Kindern erwerben sie nämlich den etwas abseits gelegenen **Hof Aludden**, um den sich verschiedene Gerüchte und Legenden ranken. Es heißt, dass der Hof selbst aus den Resten eines gesunkenen Schiffes errichtet wurde. Und dass die Erbauer der beiden Leuchttürme, die an den Hof quasi angrenzen, die Schreie der Ertrinkenden nie vergessen konnten. Die Namen der Toten sind noch heute, viele, viele Jahre später, in der Scheune des Hofes in Holz geritzt sichtbar. Und seit jeher brachte **Hof Aludden** seinen Bewohnern nur Unglück.

Davon weiß **Joakim** nichts, der berufsbedingt immer noch zwischen der alten Heimat **Stockholm** und dem neuen Zuhause pendelt. Auch nicht, als ihn vollkommen unerwartet der Anruf einer jungen Polizistin erreicht, die ihm mitteilt, dass seine Tochter ums Leben gekommen sei. Zu Hause angekommen stellt er fest, dass es nicht seine Tochter war, die in der eiskalten **Ostsee** ertrunken ist, sondern seine Frau **Katrine**. Für **Joakim** bricht die Welt zusammen. Er verfällt in eine Art Depression. Lebenslust und die Motivation, das dringend renovierungsbedürftige Anwesen in Schuss zu bringen, gehen ihm völlig ab. Aber da sind noch seine beiden Kinder, und so zwingt er sich, irgendwie doch weiterzumachen. Leise Zweifel nagen jedoch an ihm, dass der Tod seiner Frau ein tragischer, aber eben doch ein Unfall war. Die Polizistin, welche die Nachricht überbringen musste, hat ebenfalls ihre eigenen Vermutungen. Und dann sind da ja noch die seltsamen Entdeckungen, die **Joakim** über die Geschichte **Aluddens** macht – und die seltsamen, schlafwandlerischen Träume seiner Tochter, die felsenfest überzeugt ist, dass **Katrine** noch immer bei ihnen ist …

Wenn man Herrn **Theorin** eines bescheinigen kann, dann, dass er ein großes Talent dafür hat, mit seinem Geschriebenen stimmungsvolle Bilder und eine reichlich düstere Stimmung zu erzeugen. Wenn man sich dem **Nebelsturm** hingibt, wird es während des Lesens spontan ein paar Grad kälter im Raum, so überzeugend stellt **Theorin** das grausige, unwirtliche Wetter dar. Aber noch etwas gelingt dem **Schweden** auf ganz famose Art und Weise: Mit der Sinneswahrnehmung seiner Protagonisten (und somit der Leser) zu spielen. Während sich die Geheimnisse des **Hofes Aludden** offenbaren und immer deutlicher wird, dass mit der offiziell vermuteten Todesart **Katrines** etwas so nicht ganz stimmen kann, verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fantasie (um nicht zu sagen: Wahn?). Sind die Dinge, die **Joakim** und seine Tochter sehen und hören, die Schatten in der Scheune, die Frau, die angeblich neben dem Bett der Tochter stand, alles nur Hirngespinste, die durch die Konfrontation mit dem plötzlichen Tod **Katrines** entstehen – oder passieren auf **Aludden** möglicherweise Dinge, die sich rationeller Erklärung und Deutung entziehen?

Mit einer Leichtigkeit, wie sie schwedischen Autoren scheinbar prinzipiell innezuwohnen scheint, verknüpft **Theorin** Kriminalroman mit Familiendrama und einer Gruselgeschichte, und herauskommt dabei ein unterhaltendes Lesevergnügen, das einmal mehr den guten Ruf **schwedischer Krimiautoren** verteidigt.

Der Klappentext wirbt mit dem Zitat einer Zeitung, in dem heißt, dass manche Passagen zu dem Gruseligsten gehören, das der Rezensent jemals gelesen hätte. Nun, so ganz würde ich das nicht unterschreiben. Gruselig ja, aber kein Grund, die eigenen Fingernägel mit dem Gebiss zu malträtieren. Wer zudem von einem Krimi erwartet, dass literweise Blut fließt, wird von **Theorins** **Nebelsturm** wohl enttäuscht werden. Der Autor schlägt reichlich ruhige Töne an und über weite Strecken ist das Buch mehr Drama denn Krimi. Aber es sind gerade **Theorins** Spiele mit der Sinneswahrnehmung seiner Figuren, die sein Werk auszeichnen und das bereits erwähnte Gespür, düstere Stimmungen zu erzeugen. Ich habe es mit Genuss gelesen, möchte aber keine pauschale Empfehlung aussprechen. Fans **schwedischer Autoren** greifen hier eher zu als Leser „gewöhnlicher“ Krimis.

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